{"id":1754,"date":"2013-02-24T12:54:33","date_gmt":"2013-02-24T11:54:33","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hapke.de\/?p=1754"},"modified":"2015-04-13T14:32:32","modified_gmt":"2015-04-13T13:32:32","slug":"zum-zusammenhang-zwischen-bildung-und-in-formation-s-kompetenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hapke.de\/information-literacy\/zum-zusammenhang-zwischen-bildung-und-in-formation-s-kompetenz\/","title":{"rendered":"Zum Zusammenhang zwischen Bildung und In-formation(s-kompetenz)"},"content":{"rendered":"<p>Die Diskussion von Kompetenz und Bildung wird im Bereich der Medienp\u00e4dagogik besonders im Rahmen der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Strukturale_Medienbildung\">Medienbildung<\/a> gef&uuml;hrt. Auch im Rahmen von Diskussionen, ob es ein spezifisch digitales Denken gibt bzw. inwieweit die digitalen Medien unser Denken und Lernen ver&auml;ndern, wird aus bildungswissenschaftlicher Sicht mit diskutiert, so z.B. von <a href=\"http:\/\/gabi-reinmann.de\/?p=3543\">Gabi Reinmann: Digitales Denken \u2013 die Sicht der Erziehungs-wissenschaften oder: Freiheit und Zwang im digitalen Zeitalter<\/a>.<\/p>\n<p>Schaut man nun in ein vor kurzem erschienene Textsammling zum Thema Bildung mit dem Titel <a href=\"http:\/\/studiumfundamentale.wordpress.com\/2013\/01\/15\/buchempfehlung-was-ist-bildung-eine-textanthologie\/\">&quot;Was ist Bildung? Eine Textanthologie.&quot; (Hrsg. Heiner Hastedt, Reclam, 2012)<\/a>, findet man auch hier Ankn&uuml;pfungspunkte, um Informationskompetenz zu verorten, z.B. &uuml;ber den klassischen Bildungsbegriff hinausgehend im Werk von Michel Foucault, dessen &quot;Sorge um sich&quot; als Teil von Bildung die Selbstbildung und Reflexion betont (S. 15, S. 34ff). Zu dieser geh&ouml;rt eine kritische Funktion von Bildung (S. 39), ausserdem wird die Bedeutsamkeit des Zuh&ouml;rens und des Schreibens als Aneignungsmethoden hervorgehoben (S. 45).<\/p>\n<p>Im Buch von S&ouml;nke Ahrens mit dem Titel <a href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/ts1654\/ts1654.php\">&quot;Experiment und Exploration : Bildung als experimentelle Form der Welterschlie\u00dfung&quot; (Bielefeld: transcript, 2011)<\/a>, sind mir weitere Verbindungen zwischen Bildung und Informationskompetenz aufgefallen. Ahrens&#8216; Buch ist f&uuml;r mich deshalb etwas Besonderes, weil es den seltenen Versuch unternimmt, Naturwissenschaft und Technik mit Bildung \u00fcber Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte zu verbinden. Ahrens nutzt die Wissenschafts- und Technikforschung sowie die Besch&auml;ftigung mit der Geschichte der (Natur-)Wissenschaften, um \u00fcber Bildung zu reflektieren und den Bildungsbegriff neu zu bestimmen. <\/p>\n<p>Eine weitere Beziehung zwischen Information &#8211; oder In-formation, eine Schreibweise, die die N&auml;he zu Bildung besonders sichtbar macht &#8211; und Form ist vom Autor dieses Blogs in einem gerade erschienenden informations- bzw. wissenschaftshistorischen Aufsatz angerissen worden: <a href=\"http:\/\/doku.b.tu-harburg.de\/volltexte\/2013\/1192\/\">Wilhelm Ostwald\u2019s Combinatorics as a Link between In-formation and Form (Library Trends 61(2012)2, 286-303.<\/a><\/p>\n<p>F&uuml;r Interessierte hier noch ein paar, etwas l&auml;ngliche Ausz&uuml;ge aus meiner Rezension (Auskunft (32 (2012) 112-119) zu Ahrens&#8216; Buch:<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>&Uuml;ber das Feuilleton hinaus ist der Begriff Bildung st&auml;ndig in der Diskussion, die Literatur zum Thema ist kaum zu \u00fcberschauen. Ahrens geht in seinem Buch von einem \u201etransformatorischen Bildungsbegriff\u201c aus (S. 9f). Hier sind Lernprozesse dann Bildungsprozesse, wenn diese die Lernvoraussetzungen transformieren, also auch eine Reflexion &uuml;ber das eigene Wissen und K&ouml;nnen in Gang setzen. Implizit setzt Bildung hier auch ein Scheitern des Lernens voraus (S. 17ff), das hier aber als positiv verstanden wird. Ahrens teilt seinen transformatorischen Bildungsbegriff mit der Forschungsrichtung der Medienbildung, die Bildung als Transformationsprozess von Haltungen zum Selbst und zur Welt bestimmt. <\/p>\n<blockquote><p>&quot;Es geht bei der Frage nach dem Verh&auml;ltnis von Bildung und Wissenschaft nicht darum, eine kritische Distanz zum Geltungsanspruch der Wissenschaften zu gewinnen, sondern um die F&auml;higkeit, dem Anspruch der Wissenschaft auf Mitteilung gerecht zu werden. Das hei&szlig;t nicht einfach, zu h&ouml;ren, was sie zu sagen hat, sondern zu begreifen, was durch sie in welcher Form geteilt wird und wer oder was durch sie mitzuteilen und nicht mitzuteilen in die Lage versetzt wird.&quot; (S. 292)<\/p><\/blockquote>\n<p>F&uuml;r mich k&ouml;nnte man mit diesem Zitat fast auch Informationskompetenz als kritische Haltung beschreiben. Reflexion &uuml;ber das eigene Lernen, &uuml;ber die Entstehung von Information und Wissen sowie die erkenntnistheoretische Problematik der Bewertung und G&uuml;ltigkeit von Wissen und damit &uuml;ber die soziale Konstruktion von Wissen und Wissenschaft sind auch bei Aktivit&auml;ten zur F&ouml;rderung von Informationskompetenz angebracht. Nur so kommen Themen wie Peer Review, Plagiate und die Problematik von Zitatanalysen in den Blick. Das Lernen und die Reflexion &uuml;ber Information werden immer wichtiger.  <\/p>\n<p>Ein wichtiger Aspekt der gewaltigen Entwicklung der modernen Wissenschaften, auf den Ahrens an mehreren Stellen verweist, ist die Tatsache, dass immer mehr Bereiche der Welt von der Wissenschaft erfasst werden und es kaum noch unerschlossene Bereiche gibt. Welt ist dabei f&uuml;r Ahrens \u201eder umfassende Begriff f\u00fcr alles sinnhaft Zug&auml;ngliche\u201c (S. 98). Implizit wird f\u00fcr mich damit auch die Informationsflut thematisiert. Wenn man z.B. als Wissenschaftler auf einem ganz speziellen Gebiet forscht und dazu recherchiert, st&ouml;&szlig;t man nach Ahrens als explorativer Wissenschaftler <\/p>\n<blockquote><p>\n\u201e&uuml;berall auf sich selbst und seine eigenen Ergebnisse. Das l&auml;sst einem nur drei M&ouml;glichkeiten: Erstens die Flucht ins Imagin&auml;re, bei der man sich wie die Wirtschaftswissenschaft der letzten drei&szlig;ig Jahre seinen zu explorierenden Gegenstand selbst erfindet [&#8230;] Oder zweitens das Betreiben von Wissenschaft wie ein Notar, indem man ungeachtet jedes Erkenntniswertes zitierf\u00e4hige Texte produziert. Die dritte M&ouml;glichkeit besteht darin, dass man sich dieser Tatsache bewusst und den sich daraus ergebenen Paradoxien stellt. Das Experiment ist die technisch-soziale L&ouml;sung f\u00fcr den paradoxen Versuch eine erschlossene Welt zu erschliessen\u201c (S. 254, vgl. dazu auch S. 287f).\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Ahrens &uuml;bernimmt aus den Diskussionen der j&uuml;ngeren Wissenschafts- und Technikforschung den Begriff des Experiments und deutet diesen als eine wichtige Form der Welterschlie\u00dfung, die er &#8211; auf das Individuum bezogen &#8211; Bildung nennt. Ein Experiment wird dabei von Ahrens nicht nur naturwissenschaftlich gedacht. F\u00fcr ihn ist das Nachdenken &quot;die einfachste und selbstverst&auml;ndlichste (und daher selten bedachte) Form des Experimentierens&quot; (S. 278). Nicht zuf&auml;llig kommen f&uuml;r den Rezensenten damit auch Bereiche des eLearnings in den Blick, die die Reflektion f&ouml;rdern sollen, wie z.B. das Schreiben eines Weblogs als Lern- oder gar Bildungs-Tagebuch oder die Nutzung von sogenannten ePortfolios.  Diese sind Experimente, die das eigene Lernen beobachten und dabei ein bildendes Element enthalten. <\/p>\n<p>Das Buch untersucht Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Bildungsprozessen und (natur-) wissenschaftlichen Erkenntnisprozessen. Als Bildungsinhalte wurden Technik (und Naturwissenschaften) traditionell lange vernachl\u00e4ssigt. Bei Ahrens r\u00fcckt besonders die Rolle der Technik in den Fokus, die im Rahmen des eLearnings heutzutage bei Lern- und Bildungsprozessen kaum noch wegzudenken ist. Es w\u00e4re hier z.B. eine wichtige Frage, ob die Nutzung von Technik Bildung bewirken kann. Die Frage des Zusammenhangs zwischen Erkenntnis, Bildung und Technik schlie\u00dft die Frage nach dem Medium der Erkenntnis und damit die Frage der Medien- und Informationskompetenz mit ein.<\/p>\n<p>Didaktische Lern- und Lehrszenarien, in denen Technik eine so entscheidende Rolle wie beim eLearning spielt, lassen sich z.B. mit einem Element moderner Wissenschafts- und Technikforschung, der sogenannten Akteur-Netzwerk-Theorie beschreiben. Diese u.a. von Latour mit entwickelte Theorie weist auch nicht-humanen Akteuren wie Medien, Maschinen usw. eine wichtige Rolle bei der Kommunikation im Bereich Technik und Gesellschaft zu. Diese Theorie scheint damit auch f\u00fcr den Bildungsbereich nutzbar zu sein. Im Bereich der Informationswissenschaft ist Latour bisher eher wenig rezipiert worden.  Latours ethnografische Feldstudien in naturwissenschaftlich-technischen Laboren zeigten, wie wissenschaftliche Fakten als &#8222;Tat-Sachen&#8220; \u2013 auch \u00fcber wissenschaftliche Artikel,  ein Beispiel f\u00fcr von Latour sogenannte &#8222;immutable and combinable mobiles&#8220; \u2013 entstehen, Verbreitung finden und sich durchsetzen. Die in wissenschaftlichen Artikeln beschriebenen Forschungsergebnisse repr&auml;sentieren immer eine &uuml;ber mehrere Zwischenstufen vermittelte oder gar ausgehandelte Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund system- und formtheoretischer Grundlagen von Niklas Luhmann und George Spencer-Brown arbeitet Ahrens an der Unterscheidung zwischen Lernen und Bildung. Nachdenken &uuml;ber Differenzen hat aber auch etwas mit Information zu tun, die bei Gregory Bateson &uuml;ber eben diese Differenz definiert wird: &quot;Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht.&quot;  F&uuml;r Ahrens erfolgt Lernen durch Unterscheidung. Man unterscheidet zwischen dem, was man schon weiss oder kann, und dem, was in der Welt noch unerschlossen vor einem liegt. Liegt der Schwerpunkt auf dem Unerschlossenen spricht Ahrens von Exploration (Erkundung) als Methode der Welterschlie&szlig;ung. Lernen ist f\u00fcr Ahrens daher die explorative Form der Welterschliessung.<\/p>\n<p>Viele der Unterscheidungen, die Ahrens behandelt, sind auch f&uuml;r die philosophische Behandlung von Information spannend, wie &quot;Kopieren und Modifizieren&quot;, &quot;Repr&auml;sentation und &Uuml;bersetzung&quot;, &quot;Zwischenglieder und Mittler&quot;, &quot;Werkzeuge und Technik&quot; oder &quot;Sammeln und Versammeln&quot;. <\/p>\n<p>Im letzten Teil des Werkes werden die arbeitsteilig-gemeinschaftlichen Ergebnisse der wissenschaftlichen Welterschlie\u00dfung mit der individuell erfolgenden Welterschlie&szlig;ung in Form von Bildung und Lernen zusammengebracht. Bildung und Lernen, also auch Experiment und Exploration, werden wie zwei Seiten einer Medaille gesehen. So wie die wissenschaftliche Exploration dem wissenschaftlichen Experiment vorausgeht, geht das Lernen der Bildung voraus (S. 268-271), ohne &quot;Sammlung&quot; keine &quot;Versammlung&quot; (Latour, s. bei Ahrens auch S. 169).<\/p>\n<p>Aufgrund der verwendeten \u201edekonstruktiv aufbereiteten Begrifflichkeit\u201c (Klappentext) leidet etwas die Zug&auml;nglichkeit des Buches f&uuml;r einen unbedarften Leser. Als solcher f&uuml;hlte sich jedenfalls der Rezensent beim Lesen des Buches angesichts vieler doch sehr abstrakter und hochkomplexer Passagen. Ganz im Sinne des franz&ouml;sischen Philosophen Jacques Derridas werden interessante Texte zahlreicher Autoren miteinander verwoben und bis ins Detail kommentiert, um damit den Gedankengang des Autors zu belegen.  Wer es dennoch wagt, das Buch zu lesen, wird reichlich belohnt! Der etwas eigene Stil des Autors, mit oft tief verschachtelten S&auml;tzen, erfordert aufmerksames, konzentriertes Lesen. Hier kann man mit dem Autor aber auch auf Bernard Stiegler verweisen: <\/p>\n<blockquote><p>\n&quot;Dass das, was heute Aufmerksamkeit erlangt, wozu auch das geh&ouml;rt, was gezielt darauf hin entwickelt worden ist, Aufmerksamkeit zu erlangen, etwas ist, was damit notwendig in einem Konflikt zum Nachdenken steht, darauf verweist Stiegler, wenn er als Technikphilosoph die besondere Bedeutung der P&auml;dagogik bei der Ein&uuml;bung von Techniken der Aufmerksamkeit vom Denken und von der Technik beschreibt und sie als etwas versteht, das in direkter Konkurrenz zu anderen \u201aTechnologien der Aufmerksamkeitssteuerung\u2019 (Stiegler 2008) steht.&quot; (S.281).  <\/p><\/blockquote>\n<p>Die hier beschriebene moderne Aufmerksamkeitsproblematik spielt ja auch im Bereich Informationskompetenz eine Rolle, z.B. beim Verh&auml;ltnis zwischen Google und Bibliotheken als Institutionen.<\/p>\n<p>S&ouml;nke Ahrens\u2019 Buch enth&auml;lt eine F&uuml;lle von Anregungen zum weiteren \u201eNach-Denken\u201c (vgl. S. 278) nicht nur f&uuml;r die Bildungsphilosophie und Erziehungstheorie, sondern ist anregend auch f\u00fcr die Wissenschaftsforschung und Technikphilosophie. Das Buch hilft einem auch bei der Reflektion &uuml;ber Informationskompetenz als bibliothekarische Dienstleistung, die sich in Richtung einer Art von Informationsbildung entwickeln k&ouml;nnte.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Diskussion von Kompetenz und Bildung wird im Bereich der Medienp\u00e4dagogik besonders im Rahmen der Medienbildung gef&uuml;hrt. 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