{"id":2495,"date":"2015-02-27T14:03:20","date_gmt":"2015-02-27T13:03:20","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hapke.de\/?p=2495"},"modified":"2015-03-10T12:28:08","modified_gmt":"2015-03-10T11:28:08","slug":"nachdenken-ueber-information-kommunikation-und-wissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hapke.de\/philosophy-of-information\/nachdenken-ueber-information-kommunikation-und-wissen\/","title":{"rendered":"Nachdenken &uuml;ber Information, Kommunikation und Wissen"},"content":{"rendered":"<p>&quot;Information&quot; ist seit langem ein vielf&auml;ltig und oft benutzter Begriff im Alltag. Dessen Bedeutung erscheint dabei so vielf&auml;ltig wie die Kontexte von dessen Benutzung. Dies ist die ver&auml;nderte Online-Kurzfassung einer Besprechung, die vor kurzem auch gedruckt erschienen ist (Auskunft 34 (2014) 317-324). Behandelt wird das Buch &#8222;<a href=\"http:\/\/www.springer.com\/gp\/book\/9789400769724\">Theories of information, communication and knowledge : a multidisciplinary approach<\/a>&#8222;, herausgegeben von Fidelia Ibekwe-SanJuan und Thomas Dousa (Dordrecht: Springer, 2014). Es umfasst Vortr&auml;ge zu einem Kolloquium mit dem Titel \u201c<a href=\"http:\/\/www.epicic.org\/\">Colloque sur l&#8217;\u00e9pist\u00e9mologie compar\u00e9e des concepts d&#8217;information et de communication dans les disciplines scientifiques (EPICIC)<\/a>\u201c im Jahre 2011. <\/p>\n<p>Anspruch des Bandes ist ein \u201cmultidisziplin\u00e4rer\u201d Ansatz, \u201cInformation\u201d im Zusammenhang mit zwei weiteren wichtigen Schlagworten unserer Zeit, Kommunikation und Wissen, zu diskutieren. Begriffe definieren sich innerhalb von Theorien aber auch in der Praxis oft nur im jeweiligen Gebrauch und jeweiligen Bezug zueinander. Ein eindeutiger Gebrauch oder gar eine Definition der drei Begriffe ist nicht absehbar, wie auch in den Beitr&auml;gen dieses Bandes deutlich wird. Insofern greift das Hervorheben der drei genannten Begriffe noch zu kurz. Mindestens drei weitere w&auml;ren hier zu nennen. In Zeiten von \u201eBig Data\u201c  sind Begriffe wie Daten, Medien und Dokumente genauso wichtig wie Information, Kommunikation und Wissen. All hier genannten Begriffe sind nur in einer &quot;trans- und metadisziplin&auml;ren&quot; Sicht, welche der Band anstrebt, in ihrem Bedeutungsgef&uuml;ge zu erfassen. <\/p>\n<p>Die Diskussion um den Informationsbegriff ist einerseits gepr&auml;gt von Versuchen, einheitliche Informationstheorien zu schaffen. Die ersten drei Beitr&auml;ge von S\u00f8ren Brier, Wolfgang Hofkirchner und Luciano Floridi bieten jeweils eher eine sehr einheitliche Sicht auf den Informationsbegriff, was nat&uuml;rlich die Gefahr erh&ouml;ht, die eigene Sicht zu verabsolutieren und andere Sichten nicht mehr wahrzunehmen, wie Andrew P. Carlin in einer Rezension kritisch bermekt (Journal of the Association for Information Science and Technology 65, Nr. 6 (2014): 1299\u20131302, S. 1300). Andererseits werden unterschiedliche Informationsbegriffe teilweise pluralistisch und gleichberechtigt nebeneinander diskutiert. Auch Marcia J. Bates hebt in ihrem einschl&auml;gigen <a href=\"http:\/\/pages.gseis.ucla.edu\/faculty\/bates\/articles\/information.html\">Enzyklop&auml;die-Artikel<\/a> das vielf\u00e4ltige Verst\u00e4ndnis von Information hervor. Eine philosophische Sicht bietet der Eintrag &#8222;<a href=\"http:\/\/plato.stanford.edu\/archives\/fall2013\/entries\/information\/\">Information<\/a>&#8220; von Peter Adriaans in der Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fall 2013 Edition).<\/p>\n<p>&Uuml;ber die Verarbeitung von Information kann Wissen erzeugt werden, aus Wissen kann aber auch Information f\u00fcr andere stehen. Geht man davon aus, dass Information und Wissen z.B. in solcher Weise zusammenh&auml;ngen, kommt man bei theoretischen &Uuml;berlegungen zu Information und Wissen ohne erkenntnistheoretische (epistemologische) Betrachtungen nicht aus.<!--more--> Andererseits bin ich vor Jahren schon auf ein lohnenswertes Review von David Bade zu einem Buch von Roy Harris gesto\u00dfen, das aus linguistischer Perspektive gar von einem Ende traditioneller Epistemologie spricht. Das Review enth&auml;lt neben einer ausf&uuml;hrlichen Zusammenfassung des Buches von Harris auch einen Beitrag zum Informationsbegriff selbst, wenn es eine Auffassung von Information als &quot;knowledge reduced to a sign awaiting its interpreter&quot; hervorhebt und es dazu hei\u00dft: &quot;Instead of definitional chaos we have information theoretically defined as that publicly available sign created for communicational purposes.&quot; (David Bade, &quot;After epistemology, Roy Harris [book review]&quot; Journal of Documentation 67 (2011): 194\u2013200. S. 199). Auch Winfried N&ouml;th bringt in seinem Beitrag im hier besprochenen Buch eine semiotisch-linguistische Perspektive auf das Informations-Kommunikations- und-Wissens-Begriffsgef&uuml;ge zur Geltung. <\/p>\n<p>Der zweite Teil des Buches bietet eher offene Ans&auml;tze, in denen sich die Vielfalt unterschiedlichster Theorien spiegelt. Im Sinne eines theoretischen Pluralismus werden von Lyn Robinson und David Bawden die Informationsbegriffe unterschiedlicher Fachgebiete und deren Unterschiede dargestellt. Am Ende bleibt es offen, ob es sich lohnt zu versuchen, diese Unterschiede zu &uuml;berbr&uuml;cken oder ob der Erkenntnisgewinn aufgrund der bestehenden Unterschiede nicht fruchtbarer und n&uuml;tzlicher ist. So ist denn auch eine St&auml;rke des Buches, dass es f&uuml;r denjenigen, der die Diskussion um den Informationsbegriff nicht st&auml;ndig im Detail verfolgt, auf eine Vielzahl weiterer wichtiger Beitr\u00e4ge auch au\u00dferhalb der Informations- und Bibliothekswissenschaften verweist bzw. diese diskutiert. So weist z.B. Jonathan Furner auf die beiden einschl\u00e4gigen Open-Access-Zeitschriften hin, die regelm\u00e4\u00dfig Beitr\u00e4ge zur Diskussion um den Informationsbegriff bieten:<\/p>\n<ul>\n<li>\u201e<a href=\"http:\/\/www.mdpi.com\/journal\/information\">Information \u2014 Open Access Information Science Journal<\/a>\u201c, z.B. einen Aufsatz R.K. Logan mit dem Titel <a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.3390\/info3010068\">&#8222;What Is Information?: Why Is It Relativistic and What Is Its Relationship to Materiality, Meaning and Organization&#8220;<\/a><\/li>\n<li>\u201e<a href=\"http:\/\/www.triple-c.at\/index.php\/tripleC\">tripleC: Communication, Capitalism &#038; Critique<\/a>. Open Access Journal for a Global Sustainable Information Society\u201c, so z.B. von Wolfgang Hofkirchner, \u201e<a href=\"http:\/\/www.triple-c.at\/index.php\/tripleC\/article\/view\/330\">Emergent Information. When a Difference Makes a Difference\u2026<\/a>\u201c tripleC: Communication, Capitalism &#038; Critique. Open Access Journal for a Global Sustainable Information Society 11, Nr. 1 (2012): 6\u201312, oder ein Special Issue mit dem Titel \u201c<a href=\"http:\/\/www.triple-c.at\/index.php\/tripleC\/issue\/view\/18\">What is really Information? An interdisciplinary approach<\/a>\u201d (Vol. 7 (2009) 2).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Furner (S. 165) zitiert auch einen Aufsatz von Agn\u00e8s Lagache (\u201eWhat is information?\u201c In: Signals and images: Selected papers from the 7th and 8th GIRI meeting &#8230;, hrsg. von Madeleine Bastide, 279\u2013291, Dordrecht: Kluwer Academic Publishers, 1997) mit folgendem Satz: \u201eThe world of information begins when dealing not with the thing, but with a representation of things.\u201c  Information bezieht sich hier also immer auf Vorhandenes bzw. damit auch Vergangenes. F&uuml;r mich ist Information als Teil von Erkenntnis aber nicht nur Repr&auml;sentation, sondern umfasst immer auch das Potential von Transformation. Es kommt also eine Zukunfts-Komponente mit dazu, die der Philosoph Ernst Bloch so beschreibt: &quot;[&#8230;] Erkenntnis ist folglich nicht nur informierend &uuml;ber bereits Formiertes, sie informiert ebenso ihr Objekt &uuml;ber das darin noch nicht Formierte, sie wird aktive In-formation eines Wirklichen selbst.&quot; (Ernst Bloch: Erkenntnis als Schl&uuml;ssel und Hebel des Wirklichen. In Tendenz &#8211; Latenz &#8211; Utopie, 117\u2013121, Gesamtausgabe \/ Ernst Bloch Erg.-Bd. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1978, S. 120). Letztlich geht dies auch in die Richtung des Verst&auml;ndnisses von Information als \u201eWissen in Aktion\u201c, das in der deutschen Informationswissenschaft &#8211; z.B. von <a href=\"http:\/\/www.kuhlen.name\/MATERIALIEN\/Publikationen2013\/RK_A1-Information.pdf\">Rainer Kuhlen<\/a> (\u201eInformation \u2013 Informationswissenschaft.\u201c in Grundlagen der praktischen Information und Dokumentation. 6. Ausg., 1\u201324, hier S. 4. Berlin: de Gruyter, 2013)  &#8211; bevorzugt wird.<\/p>\n<p>Repr&auml;sentation, als ein Satz zu einem Sachverhalt, als eine Idee zu oder als ein Bild einer Sache, kann Information sein. Die Frage ist aber, ob beim Erstellen dieser Repr&auml;sentation nicht gleichzeitig das urspr&uuml;ngliche Ding dieser Repr\u00e4sentation, die \u201creale Sache\u201c, ver\u00e4ndert bzw. interpretiert wird. Ist ein Gedanke immer noch derselbe, wenn er von jemand anderem gedacht wird? Wird nicht eine Sache oder ein Gedanke beim Informieren bzw. Nachdenken auch interpretiert und damit auch ver\u00e4ndert, also transformiert? Umfasst damit Information nicht auch Transformation und Ver&auml;nderung? Mit solchen Gedanken kann Information auch auf seinen etymologischen Ursprung des Begriffes in Form von Bildung zur&uuml;ckgef&uuml;hrt werden (vgl. <a href=\"http:\/\/www.capurro.de\/info.html\">Rafael Capurro<\/a>), womit man dann z.B. Informationskompetenz als wichtigen Teil von allgemeiner Bildung oder nach <a href=\"http:\/\/www.ib.hu-berlin.de\/~libreas\/libreas_neu\/07mueller.htm\">Lars M&uuml;ller<\/a> gar als \u201einformationspolitische[s] Programm der (pers&ouml;nlichen) Aufkl&auml;rung bzw. der Ausbildung einer inneren Einstellung\u201c  ansehen kann.<\/p>\n<p>Birger Hj\u00f8rland diskutiert in seinem Beitrag die in der Entwicklung der Informationswissenschaften bisher auftauchenden Begriffe f&uuml;r diese Disziplin und ihre Nachbargebiete, wie Library Economy, Library Science, Bibliography, Documentation, Information and Communication Technology, Information Science(s) \/ Informations Studies \/ Information Science and Technology, Informatics, Library and Information Science, Information Management, Knowledge Management und Information Systems. Hj\u00f8rland weist neben den am Anfang dieses Textes genannten auf weitere Kernbegriffe der Informationswissenschaften hin: \u201eAboutness\u201c, Begriff, Fachgebiet, Relevanz, Sammlung, Sprache, Zeichen u.a. F&uuml;r Hj\u00f8rland besch&auml;ftigt sich Informationswissenschaft vor allem mit \u201cknowledge production in society and how this knowledge is materialized in documents (including digital documents) and how it is organized, labeled, and managed in order to serve different groups and individuals.\u201d (S. 225) Hier kommt dann auch die F&ouml;rderung von Informationskompetenz in den Blick, die &uuml;brigens im &quot;Handbook of information science&quot; von Wolfgang G. und Mechtild Stock (Berlin: de Gruyter, 2013) sogar ein eigenes Kapitel bekommt.\t<\/p>\n<p>Die letzten drei Aufs&auml;tze sind Fallstudien zur Anwendung von Informationsbegriffen z.B. bei der Deutung des Informationsgehaltes visueller Abbildungen. Dabei f&auml;llt der letzte Beitrag vom Mitherausgeber Thomas Dousa (\u201cDocumentary languages and the demarcation of information units in textual information: The case of Julius O. Kaiser\u2019s Systematic Indexing\u201d) mit seinem historischen Bezug noch mehr aus dem Rahmen. Ausgangspunkt hier ist ein Beispiel aus der Geschichte des Informationswesen in der Person von Julius Otto Kaiser, eines Zeitgenossen von Paul Otlet und Wilhelm Ostwald. Vor dem Hintergrund der Indexierung von Textdokumenten zerlegte Kaiser diese in kleinere Einheiten von Information und kommt nach Dousa (S. 300ff) damit dem monographischen Prinzip Otlets nahe, das ja auch von Karl Wilhelm B\u00fchrer und <a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.15480\/882.1095\">Wilhelm Ostwald<\/a> propagiert wurde. <\/p>\n<p>Eines der Vorz&uuml;ge des Werkes ist sicherlich auch, dass das franz&ouml;sische Sprachgebiet im Bereich der Informationsphilosophie durch die franz&ouml;sische Mitherausgeberin, die selbst eine Monografie zur Informationswissenschaft vorgelegt hat (Fidelia Ibekwe-SanJuan, La science de l&#8217;information: Origines, th\u00e9ories et paradigmes. Paris: Lavoisier, 2012), ber&uuml;cksichtigt wird. Auch die zweite franz&ouml;sische Autorin des Buches hat einen Aufsatz zum Informationsbegriff in einem Band mit &Uuml;bersichtsbeitr&auml;gen aus der franz&ouml;sischen Informationswissenschaft publiziert:  Sylvie Leleu-Merviel und Philippe Useille, \u201eSome revisions of the concept of information.\u201c in Information science, hrsg. von Fabrice Papy, 1\u201332 (London, Hoboken, N.J.: ISTE; Wiley, 2010).  <\/p>\n<p>Am Ende ihrer Einleitung beschreiben die beiden Herausgeber aus ihrer Sicht die Gemeinsamkeit bez&uuml;glich des Informationsbegriffes bei den Autoren des Bandes. Information ist nicht nur einfach eine Repr&auml;sentation oder von der anderen Seite her gesehen eine reine Konstruktion des die Information aufnehmenden &quot;kognitiven Agenten&quot;, sondern eine Mischung, &quot;a synthesis of data grounded in human interaction with the world and creative interpretation of the meaning of that data on the part of a cognitive agent qua indivudual and social being.&quot; (S. 19) Der Band bietet gute Ankn&uuml;pfungspunkte und vielf&auml;ltige Anregungen f&uuml;r die weitere Lekt&uuml;re, um das Bedeutungsgef&uuml;ge von Information, Kommunikation und Wissen zu erfassen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&quot;Information&quot; ist seit langem ein vielf&auml;ltig und oft benutzter Begriff im Alltag. Dessen Bedeutung erscheint dabei so vielf&auml;ltig wie die Kontexte von dessen Benutzung. 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