{"id":2551,"date":"2015-07-05T16:29:59","date_gmt":"2015-07-05T15:29:59","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hapke.de\/?p=2551"},"modified":"2015-07-21T10:35:26","modified_gmt":"2015-07-21T09:35:26","slug":"rancieres-unwissender-lehrmeister-und-informationskompetenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hapke.de\/information-literacy\/rancieres-unwissender-lehrmeister-und-informationskompetenz\/","title":{"rendered":"Ranci&egrave;res &quot;Unwissender Lehrmeister&quot; und Informationskompetenz"},"content":{"rendered":"<p>Vom franz&ouml;sischen Philosophen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jacques_Ranci%C3%A8re\">Jacques Ranci&egrave;re<\/a> habe ich das erste Mal durch einen Aufsatz von S&ouml;nke Ahrens geh&ouml;rt: Ahrens, S&ouml;nke: Die Unf&auml;higkeit des Lehrmeisters und die Wirksamkeit des Lehrens (In: Koller, H.-C. ; Reichenbach, R. ; Ricken, N. (Hrsg.): Philosophie des Lehrens. Paderborn\u00a0: Sch&ouml;ningh, 2012, S.\u00a0129\u2013144). Mittlerweile habe ich das in diesem Aufsatz genannte Buch von Ranci&egrave;re gelesen: Ranci&egrave;re, Jacques ; Engelmann, P. (Hrsg.) ; Steurer, R. (&Uuml;bers.): Der unwissende Lehrmeister: f&uuml;nf Lektionen &uuml;ber die intellektuelle Emanzipation. 2., &uuml;berarb. Aufl. Aufl. Wien\u00a0: Passagen-Verl., 2009.<\/p>\n<p>Am Beispiel des franz&ouml;sischen Gelehrten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jean_Joseph_Jacotot\">Jean Joseph Jacotot<\/a> (1770 &#8211; 1840) philosophiert Ranci&egrave;re mit Jacotot &uuml;ber &quot;intellektuelle Emanzipation&quot;, ein Ziel, das letztendlich auch jeder F&ouml;rderung von Informationskompetenz innewohnt. Jacotot hatte durch Zufall eine Unterrichtsmethode entwickelt, mit der er niederl&auml;ndischen Studenten die franz&ouml;sische Sprache beibrachte, ohne dass Jacotot selbst niederl&auml;ndisch sprechen konnte. Grundlage und Medium seiner Methode war eine zweisprachige Buch-Ausgabe eines Textes eines franz\u00f6sischen Schriftstellers, durch den sich die Studenten selbst Franz&ouml;sisch beibrachten. F&uuml;r ihn als &quot;unwissenden Lehrmeister&quot; wurden damit grundlegende Annahmen der P&auml;dagogik in Frage gestellt.<\/p>\n<p>Ich muss gestehen, dass ich beim H&ouml;ren des Titels zuerst an uns in Bibliotheken Arbeitende gedacht habe, die versuchen, Studierenden, Forschenden und Lernenden die Welt der Information aus Bibliothekssicht zu erkl&auml;ren, oft ohne selbst die Lebenswirklichkeiten hinsichtlich der Informationsgesellschaft dieser Gruppen zu kennen oder erfahren zu haben. In einem gewissen Sinne geben wir uns als unwissende Lehrmeister. Beruhigt hat mich dann ein Satz in S&ouml;nke Ahrens&#8216; Aufsatz: &#8222;Ranci&egrave;re ernst zu nehmen, hie&szlig;e also nicht nur zuzugeben: Jeder kann lernen, sondern auch: Jeder kann lehren.&#8220; (S.132) Richtig verstanden ist hier n&auml;mlich auch das Konzept des Peer-to-Peer-Lernen angesprochen.<\/p>\n<p>Das dieses Buch insgesamt f&uuml;rs Bibliothekswesen nicht nur aus meiner Sicht wichtig sein kann, beweist die Aufnahme in die Liste an Werken im &quot;<a href=\"http:\/\/www.ala.org\/transforminglibraries\/future\/manual\">Manual for the Future of Librarianship<\/a>&quot; des Centers for the Future of Librarianship der American Library Association. Im Folgenden sollen f&uuml;r mich entscheidende Zitate aus Ranci&egrave;res Text kurz erl&auml;utert werden. Letztlich bietet Ranci&egrave;re auch so etwas wie eine Theorie der Kommunikation unter Gleichen! <\/p>\n<p>Zugegeben, das Folgende klingt teilweise ganz sch&ouml;n theoretisch, aber wenn man sich mal darauf einl&auml;sst, wird einem Manches bewusster und man sieht Vieles gelassener, auch im Bereich der F&ouml;rderung von Informationskompetenz. Ein Auseinandersetzen mit dem Denken Ranci&egrave;res bietet sich auch als Grundlage einer kritischen Theorie bzw. Kritik von Informationskompetenz an.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Ranci&egrave;re hinterfragt das Erkl&auml;ren. Allein durch diesen Akt wird demjenigen, dem etwas erkl&auml;rt wird, bewiesen, &quot;dass er nicht von sich aus verstehen kann&quot; (S. 16). &quot;[V]erstehen, das hei&szlig;t zu verstehen, dass er nicht versteht, wenn man ihm nicht erkl&auml;rt&#8220; (S. 18). Wichtig aber ist seine eigene Intelligenz zu gebrauchen: &quot;Alle S&auml;tze und folglich alle Intelligenzen, die sie produzieren, sind von gleicher Natur. Verstehen ist immer nur &uuml;bersetzen, das hei&szlig;t ein &Auml;quivalent des Textes geben, aber nicht seinen Grund&#8220; (S. 19-20). Emanzipation ist f&uuml;r Ranci&egrave;re der Zwang, seine eigene Intelligenz zu gebrauchen, das &quot;Vertrauen in die intellektuelle F&auml;higkeit jedes menschlichen Wesens&quot; (S. 24). Und weiter: &quot;Wer lehrt, ohne zu emanzipieren, verdummt. Und wer emanzipiert, hat sich nicht darum zu k&uuml;mmern, was der Emanzipierte lernen muss. Es wird lernen, was er will, nichts vielleicht. Er wird wissen, dass er lernen kann, <em>weil<\/em> dieselbe Intelligenz in allen Produktionen der menschlichen Kunstfertigkeit am Werk ist, [&#8230;]&quot; (S. 28-29). Vielleicht hilft dies, das eigene Wirken bei der F&ouml;rderung von Informationskompetenz gelassener zu sehen.<\/p>\n<p>Es folgen ein paar weitere Zitate zur Rolle des Examplarischen beim Lernen, auch verbunden mit der Rolle des Buches:<\/p>\n<ul>\n<li>&quot;&#8220;Man muss etwas lernen und darauf den ganzen Rest beziehen. Und zuerst muss man <em>etwas<\/em> lernen&quot; (S. 33) als &quot;Prinzip des universellen Unterrichts&quot;.<\/li>\n<li>&quot;Es geht darum, eine Intelligenz sich selbst entdecken zu lassen. Jede <em>Sache<\/em> kann dazu dienen.&quot; (S. 41).<\/li>\n<li>&quot;Das Buch ist abgeschlossen. Es ist ein Ganzes, das der Sch&uuml;ler in den H&auml;nden h&auml;lt, das er vollends \u00fcberblicken kann&quot; (S. 36 ).<\/li>\n<li>&quot;Das bedeutet <em>Alles ist in allem<\/em>: die Tautologie der F&auml;higkeit. Die ganze Macht der Sprache ist im Ganzen eines Buches. Die ganze Selbsterkenntnis der Intelligenz liegt in der Beherrschung eines Buches, eines Kapitels, eines Satzes, eines Wortes&quot; (S. 38). F&uuml;r Ranci&egrave;re ist das Buch &quot;die Gleichheit der Intelligenzen&quot; (S. 52).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zur Rolle des Lehrmeisters:<\/p>\n<ul>\n<li>&quot;Was der unwissende Lehrmeister von seinen Sch&uuml;lern verlangen muss, ist zu beweisen, dass er mit Aufmerksamkeit studiert hat&quot; (S. 44).\n<p>Mit folgendem Satz weist Ranci&egrave;re auch auf eine Nuance des mir immer wieder wichtigen Kerns von Informationskompetenz hin:<\/p>\n<blockquote><p>&quot;So kann der unwissende Lehrmeister den Wissenden wie den Unwissenden bilden: indem er verifiziert, das er kontinuierlich sucht. Wer sucht, findet immer. Er findet nicht notwendigerweise, was er sucht, noch weniger, was er finden soll. Aber er findet irgendetwas Neues, das er mit der \u201aSache\u2018 [Hervorhebung Ranci&egrave;re] in Beziehung bringt, die er bereits kennt. Das Wesentliche ist die kontinuierliche Wachsamkeit, die Aufmerksamkeit, die niemals nachl&auml;sst, ohne dass sich die Unvernunft einstellt [\u2026].&quot; (S.46)<\/p><\/blockquote>\n<\/li>\n<li>&quot;Was ein Emanzipierter wesentlich kann, ist, Emanzipierender zu sein: nicht den Schl&uuml;ssel zum Wissen geben, sondern das Bewusstsein davon, was eine Intelligenz kann, wenn sie sich allen anderen gleich und jede andere als ihr gleich betrachtet.&quot; (S. 53).<\/li>\n<li>&quot;Um den anderen zu emanzipieren, muss man selbst emanzipiert sein. Man muss sich selbst als Reisenden des Geistes verstehen, &auml;hnlich allen anderen Reisenden, als intellektuelles Subjekt, das an der gemeinsamen F&auml;higkeit der intellektuellen Wesen teilhat&quot; (S. 47).<\/li>\n<li>&quot;Lehren, worin man unwissend ist, bedeutet ganz einfach Fragen stellen dazu, worin man unwissend ist. Man braucht kein Wissen, um derartige Fragen zu stellen&quot; (S. 43).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Hier ein paar Zitate, die man als Kern einer Theorie der Kommunikation sehen kann, beschreiben sie doch die &quot;Kommunikationsituation zwischen zwei vern&uuml;nftigen Wesen&quot; (S. 80).<\/p>\n<ul>\n<li>&quot;Das Denken sagt sich nicht <em>in der Wahrheit<\/em> aus, es dr&uuml;ckt sich <em>in der Wahrhaftigkeit<\/em> aus. Es l&auml;sst sich teilen, es l&auml;sst sich erz&auml;hlen, es &uuml;bersetzt sich f&uuml;r andere, die daraus eine andere Erz&auml;hlung, eine andere &Uuml;bersetzung machen, unter einer einzigen Voraussetzung, n&auml;mlich mitteilen zu wollen, raten zu wollen, was der andere gedacht hat, und dass nichts au&szlig;erhalb seiner Erz&auml;hlung garantiert, kein universales W&ouml;rterbuch sagt, was man verstehen muss&quot; (S. 78-79).<\/li>\n<li>&quot;Jede Rede, ob gesagt oder geschrieben, ist eine &Uuml;bersetzung, die nur Sinn annimmt in der R&uuml;ck&uuml;bersetzung, in der Erfindung der m&ouml;glichen Gr&uuml;nde des geh&ouml;rten Tons oder der geschriebenn Spur: Wille zu erraten, der alle Hinweise aufgreift, um zu erfahren, was ihm ein vern&uuml;nftiges Lebewesen zu sagen hat, das ihn als Seele eines anderen vern&uuml;nftigen Lebewesens ansieht&quot; (S.80).<\/li>\n<li>&quot;&#8217;Wissen ist nichts, <em>Machen<\/em> ist alles.&#8216; Aber dieses Machen ist in fundamentaler Weise ein Akt der Kommunikation.&quot; (S. 81).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Noch ein paar sch&ouml;ne Zitate, die bei mir etwas &quot;zum Schwingen bringen&quot;:<\/p>\n<ul>\n<li>&quot;Das Geheimnis des Genies ist das des universellen Unterrichts: lernen, wiederholen, imitieren, &uuml;bersetzen, auseinandernehmen, wieder zusammensetzen&quot; (S. 85).<\/li>\n<li>&quot;Jeder von uns ist K&uuml;nstler in dem Ma&szlig;e, als er eine zweifache Vorgehensweise w&auml;hlt; er begn&uuml;gt sich nicht damit, Mensch eines Berufes zu sein, sondern er will aus jeder Arbeit ein Ausdrucksmittel machen; er begn&uuml;gt sich nicht damit zu f&uuml;hlen, sondern er versucht, das Gef&uuml;hlte mit anderen zu teilen&quot; (S. 88). Auch ein Pl&auml;doyer f&uuml;rs Bloggen!<\/li>\n<li>&quot;Die Intelligenz [&#8230;] ist die F&auml;higkeit, sich verst&auml;ndlich zu machen, die durch die Verifizierung durch den anderen geschieht. Und nur der Gleiche versteht den Gleichen. <em>Gleichheit<\/em> und <em>Intelligenz<\/em> sind Synonyme, so wie <em>Vernunft<\/em> und <em>Wille<\/em>&quot; (S. 90).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Mehr zu und von Ranci&egrave;re:<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.ephemerajournal.org\/contribution\/inteview-jacques-ranci%C3%A8re\">Inteview with Jacques Ranci&egrave;re<\/a> von Nina Power (ephemera : theory &#038; politics in organization 10 (2010) 1, S. 77-81)<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.medienimpulse.at\/articles\/view\/567\">Subversion in Jacques Ranci\u00e8res P&auml;dagogik<\/a> von Renate Schreiber (medienimpulse-online Ausgabe 3, 2013)<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/hal.archives-ouvertes.fr\/hal-00847083\/\">&quot;The Ignorant Schoolmaster: Knowledge and Authority<\/a>&quot; von Yves Citton (Aus: Jacques Ranci\u00e8re : Key Concepts, Acumen, pp.25-37, 2010)<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/icep.ie\/paper-template\/?pid=73\">&quot;\u2018The Hitchhiker\u2019s Guide to Philosophy\u2019; the Role of the Pedagogue<\/a>&quot; von Connell Vaughan (International Conference on Engaging Pedagogy, ICEP Proceedings 2012)<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom franz&ouml;sischen Philosophen Jacques Ranci&egrave;re habe ich das erste Mal durch einen Aufsatz von S&ouml;nke Ahrens geh&ouml;rt: Ahrens, S&ouml;nke: Die Unf&auml;higkeit des Lehrmeisters und die Wirksamkeit des Lehrens (In: Koller, H.-C. ; Reichenbach, R. ; Ricken, N. (Hrsg.): Philosophie des &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.hapke.de\/information-literacy\/rancieres-unwissender-lehrmeister-und-informationskompetenz\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7,3,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2551"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2551"}],"version-history":[{"count":33,"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2551\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2597,"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2551\/revisions\/2597"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2551"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2551"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2551"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}