{"id":2733,"date":"2016-10-28T13:45:39","date_gmt":"2016-10-28T12:45:39","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hapke.de\/?p=2733"},"modified":"2018-12-09T16:58:13","modified_gmt":"2018-12-09T15:58:13","slug":"zur-eigenen-geschichte-und-gegenwart-des-nachdenkens-ueber-wissenschaft-in-der-hochschulausbildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hapke.de\/higher-education\/zur-eigenen-geschichte-und-gegenwart-des-nachdenkens-ueber-wissenschaft-in-der-hochschulausbildung\/","title":{"rendered":"Zur (eigenen) Geschichte und Gegenwart des Nachdenkens \u00fcber Wissenschaft in der Hochschulausbildung"},"content":{"rendered":"<p>Beim Aufr\u00e4umen meiner Papierberge \ud83d\ude0e bin ich vor einiger Zeit auf einen Leserbrief von mir  gesto\u00dfen, der im Mai 1983 in der Berliner Tageszeitung &#8222;<a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/\">Der Tagesspiegel<\/a>&#8220; ver\u00f6ffentlicht wurde:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Lernen mit Sinn<\/strong><br \/>\nIn Ihrem Artikel in Nr. 11 432 \u00fcber die Verteterversammlung des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) kommt eine Widerspr\u00fcchlichkeit voll zum Ausdruck, die vielen Bildungspolitikern und P\u00e4dagogen offenbar immer noch nicht ganz bewu\u00dft ist: Einerseits sprach sich der Bundesgesch\u00e4ftsf\u00fchrer des VBE &#8222;dagegen aus, zunehmend gesellschaftliche und politische Probleme in der Schule zu behandeln &#8230;&#8220;, andererseits sollten Kinder in der Schule &#8222;auch Verantwortlichkeit, Kritikf\u00e4higkeit und Solidarit\u00e4t&#8220; lernen. Wie aber ist es m\u00f6glich, diese offensichtlich politischen Ziele zu erreichen, ohne wenigstens einen kleinen Ausschnitt aus der ganzen Problematik unserer Geesellschaft zu entfalten? Richtig dagegen ist meiner Meinung nach, da\u00df sich Lehrer die Zeit nehmen sollten, &#8222;nach Grund und Sinn zu fragen, und nicht nur einseitig Fakten weitergeben&#8220;. Demnach sollten zum Beispiel in den angeblich politikfreien Naturwissenschaften auch gesellschaftliche Probleme den Unterricht bereichern, etwa durch Behandlung der Umweltproblematik oder Untersuchung der Entstehungsbedingungen der heutigen Naturwissenschaft, die die Natur ausschlie\u00dflich quantitativ erfa\u00dft und nicht auch qualitativ. Vielleicht kann man damit &#8218;Dem Lernen einen neuen Sinn geben&#8216; und die oben erw\u00e4hnten drei Ziele erreichen.&#8220;<br \/>\nDer Tagesspiegel, Berlin, Sonntag, 29. Mai 1983<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr mich ist das Inhaltliche hier noch immer aktuell, und das gilt auch f\u00fcr Hochschulen. Studierende aller F\u00e4cher sollten Lehrveranstaltungen besuchen, in denen sich Wissenschaft selbst zum Thema macht, wo also \u00fcber Wissenschaftlichkeit nachgedacht wird. \u201eBildung\u201c als ein Zweck von Wissenschaft (Schummer, Joachim: Wozu Wissenschaft? Neun Antworten auf eine alte Frage. Berlin: Kadmos 2014.) umfasst die Notwendigkeit des Nachdenkens \u00fcber Wissenschaft auf einer Meta-Ebene, die Reflexion \u00fcber die eigene Disziplin und deren sozial-gesellschaftliche Einbettung in die moderne Gesellschaft.<\/p>\n<p>Um heutzutage wissenschaftlich begr\u00fcndete Entscheidungen in Alltag (z.B. beim Gesundheitsschutz) und Politik (etwa bzgl. der Umweltproblematik und des Nachhaltigkeits-Imperativs) treffen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen Entscheidende, also heutztage eigentlich alle, ein grundlegendes Verst\u00e4ndnis des Funktionierens von Wissenschaft haben. Und dies kann auch, zumindest ansatzweise, in Aktivit\u00e4ten zur F\u00f6rderung von Informationskompetenz integriert werden, wie ich <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.15480\/882.1249\">an anderer Stelle betont<\/a> habe (hier noch ein <a href=\"http:\/\/www.hoou.de\/p\/2016\/02\/09\/wie-funktioniert-eigentlich-forschung\/\">Beispiel<\/a> f\u00fcr eine praktische Auswirkung).<br \/>\n<!--more--><br \/>\nEin fr\u00fche historische Quelle zur Frage der Integration von Wissenschaftstheorie und -geschichte und damit des Nachdenkens \u00fcber Wissenschaft in die Hochschullehre aller F\u00e4cher fand ich beim F\u00fcllen von Ausstellungsvitrinen in der TUHH-Bibliothek (<a href=\"https:\/\/www.tub.tuhh.de\/blog\/2016\/04\/14\/kurz-vor-zwoelf\/\">zur Ausstellung &#8222;Kurz vor Zw\u00f6lf&#8220;<\/a> mit  Heften des &#8222;Bulletin of the Atomic Scientists&#8220;. Diese Zeitschrift bietet auch so etwas wie einen authentischen R\u00fcckblick in die Geschichte des Verh\u00e4ltnisses und der Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft, Technik, Politik und Umwelt im 20. Jahrhundert. Der Titel der kleinen Ausstellung bezog sich \u00fcbrigens nicht auf die aktuelle politische Situation in Deutschland. Dazu wurde in einem Beitrag im Philosophie-Magazin (Nr. 3, 2016) von dessen Herausgeber Wolfram Eilenberger den Philosophen <a href=\"http:\/\/philomag.de\/die-apokalypse-fuer-deutschland\/\">Walter Benjamin zitierend das Wichtigste gesagt<\/a>.<\/p>\n<p>In der [<a href=\"https:\/\/books.google.ca\/books?id=3wcAAAAAMBAJ&amp;hl=de&amp;source=gbs_all_issues_r&amp;cad=1\">Ausgabe Oktober 1968<\/a>] des Bulletins sind Vortr\u00e4ge von einem Symposium mit dem Titel &#8222;<a href=\"https:\/\/books.google.ca\/books?id=3wcAAAAAMBAJ&amp;pg=PA23&amp;hl=de&amp;source=gbs_toc_r&amp;cad=2#v=onepage&amp;q&amp;f=false\">Science and the human condition<\/a>&#8220; publiziert, das im November 1967 in Urbana, Illinois stattfand. Gefordert wurde schon damals, dass im Rahmen von Hochschulausbildung nicht nur die jeweilige Wissenschaft selbst thematisiert wird, sondern immer auch  Aspekte, die Wissenschaft selbst zum Thema machen, Teil des Curriculums sind, etwas ein Nachdenken \u00fcber das Funktionieren von Wissenschaft und ihre Rolle in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;The central problem of higher education is how to bring up new generations, fit to live as individuals and as citizens. The changing habitat which science is creating for them involves not only education in science, but perhaps even more importantly, education about science &#8211; the development of understanding of what science is about; what it can (and what it cannot) do, appreciation of the role of science in past history of its likely role in the future; of how its revolutionary force can be best used in the framework of a stable democratic society and how this society can be adapted to the rapid changes in style, circumstances, accomplishments, and dangers of life as science changes and shapes it.<br \/>\nThis calls not merely for wider teaching of physics and chemistry, biology, and anthropology on all levels, but above all, for integration into general education, into the teaching of history, political, and social scienecees, yes, even into philosophical and religious instruction, of the facts, methods, and ideas, promises and dangers, potentialities and limitations of mankind&#8217;s first common enterprise, that of scientific exploration of nature.&#8220;(S. 23)<\/p><\/blockquote>\n<p>Einer der Aufs\u00e4tze, von <a title=\"Wikipedia\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jacob_Bronowski\">Jacob Bronowski<\/a>, tr\u00e4gt den Titel &#8222;Science as a humanistic discipline&#8220; und endet mit diesem Absatz (S.33):<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Science has to speak for its humanist heritage as a matter of scientific and human concern together. We have to present man for what he is, the creature through whom nature discloses her laws, and who rules and recreates her (and himself) not by magic but by understandings; and not by will but by need. and we have to do that as scientists, whether we like it or not. For if this new humanism fails to convince and fire the minds of the public, science is cut off from its roots, and becomes a bag of tricks for the service of governments. We really have no choice; we have become the guardians of humanism as a living relation between man and nature, and have to become teachers of it for our own survival.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein weiterer Zeitungsartikel aus dem Tagesspiegel, den ich vor Jahrzehnten aufgehoben hatte, trug den sch\u00f6nen Titel &#8222;Bildung als &#8218;Selbstverteidigung&#8216;. Der franz\u00f6sische Soziologe Pierre Bourdieu zum BIldungswesen der Zukunft&#8220; (von Dorothee Nolte, Der Tagesspiegel, Nr. 12356, 18.05.1986, S. 40). Bourdieu hatte im Rahmen des Coll\u00e8ge de France Vorschl\u00e4ge f\u00fcr das Bildungswesen der Zukunft erarbeitet. Im dritten Abschnitt des Artikels heisst es:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Als zentrale Idee der Vorschl\u00e4ge bezeichnet Bourdieu die \u00dcberlegung, da\u00df die Wissenschaft in der gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft zu einem Machtinstrument geworden sei; den Menschen m\u00fc\u00dften also &#8218;Mittel zur Selbstverteidigung&#8216; an die Hand gegeben werden, mit denen sie sich gegen Manipulation aller Art wehren k\u00f6nnten. Wichtig sei hierf\u00fcr, da\u00df die Wissenschaften stets innerhalb ihres historischen Zusammenhangs gelehrt w\u00fcrden, damit die geschichtliche Bedingtheit der einzelnen Wissenschaften und auch des Rationalit\u00e4tsbegriffs offensichtlich w\u00fcrden. Der Unterricht sollte interkulturell angelegt sein und die Pluralit\u00e4t der Kulturen betonen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Nachdenken \u00fcber Wissenschaft sollte also Teil jedes Studiums in allen F\u00e4chern sein. Eine sehr treffende Charakterisierung von Wissenschaft stammt \u00fcberraschenderweise vom d\u00e4nischen Schriftsteller Peter H\u00f8eg; \u00fcberraschend hier auch, dass Unsicherheit und Ungewi\u00dfheit mit Wissenschaft verbunden wird:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Das eben haben wir mit Wissenschaft gemeint. Da\u00df das Fragen wie das Antworten mit Ungewi\u00dfheit verbunden ist und da\u00df beides weh tut. Doch da\u00df es keinen Weg drumherum gibt. Und da\u00df man nichts verbirgt, sondern da\u00df alles offen an Licht kommt.&#8220; (Der Plan von der Abschaffung des Dunkels. Roman. Rowohlt, 1998, S. 25)<\/p><\/blockquote>\n<p>Wissenschaft hat also <a href=\"https:\/\/www.tub.tuhh.de\/wissenschaftliches-arbeiten\/2016\/10\/27\/offenheit-als-wissenschaftliche-tugend\/\">mit Offenheit zu tun<\/a>!<\/p>\n<p>Eines der aktuell besten Werke, das das Wesen der Wissenschaft und deren Entstehungsbedingungen und Auswirkungen im Kontext von Gesellschaft thematisiert, behandelt die Frage des Funktionierens von Wissenschaft bei wissenschaftlichen Kontroversen: David Harker (<a href=\"http:\/\/www.cambridge.org\/us\/academic\/subjects\/philosophy\/philosophy-science\/creating-scientific-controversies-uncertainty-and-bias-science-and-society\">Creating scientific controversies. Uncertainty and bias in science and society<\/a>. Cambridge: Cambridge University Press 2015). Das Buch nimmt quasi das  Zitat von H\u00f8eg auf und eignet sich bestimmt auch f\u00fcr die Integration der Meta-Reflexion \u00fcber Wissenschaft im Lehren und Lehren vieler F\u00e4cher.<\/p>\n<p>Eher popul\u00e4r gehalten ist eine kleines B\u00fcchlein, herausgegeben von \u00f6sterreichischen Rat f\u00fcr Forschung und Technologienentwicklung: Ahne, Verena; M\u00fcller, Stefan A. (2016): <a href=\"https:\/\/www.schule.at\/news\/detail\/fast-alles-ueber-wissenschaft-und-forschung.html\">(Fast) alles \u00fcber Wissenschaft und Forschung<\/a>. Wie Forschung funktioniert und was Wissenschaft eigentlich bedeutet. Wien: Holzhausen Verlag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Aufr\u00e4umen meiner Papierberge \ud83d\ude0e bin ich vor einiger Zeit auf einen Leserbrief von mir gesto\u00dfen, der im Mai 1983 in der Berliner Tageszeitung &#8222;Der Tagesspiegel&#8220; ver\u00f6ffentlicht wurde: Lernen mit Sinn In Ihrem Artikel in Nr. 11 432 \u00fcber die &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.hapke.de\/higher-education\/zur-eigenen-geschichte-und-gegenwart-des-nachdenkens-ueber-wissenschaft-in-der-hochschulausbildung\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7,9,12,8],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2733"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2733"}],"version-history":[{"count":23,"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2733\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3083,"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2733\/revisions\/3083"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2733"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2733"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2733"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}