{"id":2757,"date":"2016-08-07T11:44:53","date_gmt":"2016-08-07T10:44:53","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hapke.de\/?p=2757"},"modified":"2018-05-11T11:33:37","modified_gmt":"2018-05-11T10:33:37","slug":"schreiben-als-in-form-bringen-des-denkens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hapke.de\/information-literacy\/schreiben-als-in-form-bringen-des-denkens\/","title":{"rendered":"Schreiben als In-Form-Bringen des Denkens"},"content":{"rendered":"<p>Die &Uuml;berschrift dieses Beitrages ist mir vor Kurzem beim eigenen sogenannten Warmschreiben oder <a href=\"https:\/\/www.tub.tuhh.de\/\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/IMG_3639.jpg\">Free-Writing<\/a> im Rahmen des Seminars &quot;Wissenschaftliches Arbeiten&quot; an der TUHH in den Sinn gekommen. Gerne nutze ich immer die Gelegenheit, diese &Uuml;bung im Seminarteil von Birte Schelling mitzumachen. Ulrike Scheuermann (Schreibdenken. Schreiben als Denk- und Lernwerkzeug nutzen und vermitteln. 2. Aufl. Opladen: Budrich, 2013) spricht auch von Gedanken- oder Fokussprints (S. 78-79). Man schreibt innerhalb von 5 Minuten ohne abzusetzen alles auf, was einem durch den Kopf geht bzw. man w&auml;hlt vorab ein Thema und schreibt dann. <\/p>\n<p>Kurz vorher hatte ich ein Buch durchgebl&auml;ttert und angelesen, dass auch in die Richtung des Themas dieses Textes geht: Hornuff, Daniel: Denken designen. Zur Inszenierung der Theorie. Paderborn: Fink 2014. Es passt auch zu dem sch&ouml;nen Aufsatz von Philipp Mayer &quot;Wissenschaftlich schreiben hei\u00dft vor allem denken. Zw&ouml;lf Techniken f&uuml;r mehr Effizienz. <a href=\"http:\/\/www.hochschulwesen.info\/inhalte\/hsw-1-2010.pdf\">Das Hochschulwesen, 58 (2010) 1<\/a>, 28-32. Diese Blog-Beitrag befasst sich also mit philosophischen Gedanken zum Schreiben.<\/p>\n<p>Hier mein Text vom Warmschreiben:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Bibliotheken f&ouml;rdern auch akademische Tugenden und Kompetenzen. Eine der wichtigsten akademischen Kompetenzen ist die Reflexion, die Reflexion &uuml;ber das, was Wissenschaft kennzeichnet und wie wissenschaftliches Wissen entsteht. Kurse zum wissenschaftlichen Arbeiten bieten nicht nur Tipps und Rezepte sondern sollen gerade das Nachdenken anregen, \u00fcber das, was man selbst tut, die Auswirkungen der eigenen T\u00e4tigkeit, und das Schreiben von eigenen Gedanken ist Teil des Denkens, Schreiben ist so etwas wie In-Form-Bringen des eigenen Denkens. Es hat also mit Form und Formalisierung des Denkens zu tun, andererseits wird durch das In-Form-Bringen auch deutlich, dass dadurch Denken trainiert werden kann. Beim Schreiben kommt man auf neue Gedanken, Assoziationen und \u00c4hnliches, die einem vielleicht weiterhelfen, sein Tun fortzuentwickeln. Schreiben erleichtert das Denken durch die Ablage und Speicherung von Gedanken.&#8220;\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Man kann vielleicht auch sagen, &#8222;Schreiben ist <em>In-formation<\/em> des Denkens&#8220;, Information hier benutzt im Sinne einer seiner etymologischen Wurzeln als Einpr\u00e4gen bzw. Formen des Denkens, denkt man an die englische Sprache auch als &quot;Bildung&quot; des Denkens, im Sinne von Anregen des Denkens. Denken wird durch das Schreiben aber eben auch in Form gebracht, formalisiert.<\/p>\n<p>Bei der diesj\u00e4hrigen <a href=\"https:\/\/www.tub.tuhh.de\/blog\/2016\/04\/04\/auf-die-plaetze-fertig-schreiben\/\">Kleinen Nacht des wissenschaftlichen Schreibens<\/a> an der TUHH am 11. Mai 2016 (<a href=\"https:\/\/cgi.tu-harburg.de\/~zllwww\/blog\/schreiben-als-konstruktionsprojekt-rueckblick-auf-die-3-kleine-nacht-des-wissenschaftlichen-schreibens-an-der-tuhh\/\">Kurzbericht zur Podiumsdiskussion am Beginn der Kleinen Nacht von Nadine Stahlberg<\/a>) gab es &uuml;berraschenderweise auch einen Vortrag zu einer, wie ich es nennen w&uuml;rde, &#8222;&quot;Philosophie des Schreibens&quot;, der bei mir zu einer Vielzahl von Assoziationen f&uuml;hrte. Der Vortragende Bertrand Sch&uuml;tz gestaltet seit Jahren ein Seminar &quot;<a href=\"https:\/\/www.tuhh.de\/tuhh\/studium\/studieren\/literatur-und-kultur.html\">Literatur und Kultur<\/a>&quot; an der TUHH.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Vortrag von Sch&uuml;tz mit dem Titel &quot;Sprache als Werkzeug&quot; interpretierte, ausgehend von einem Text des Hamburger Philosophen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ernst_Cassirer\">Ernst Cassirer<\/a> (Form und Technik. In: Ernst Cassirer: Symbol, Technik, Sprache. Aufs\u00e4tze aus den Jahren 1927 &#8211; 1933. Unter Mitarbeit von Ernst Wolfgang Orth und John Michael Krois. Hamburg: Meiner, 1985, S. 39\u201390), Technik &#8211; und Sch\u00fctz sieht Sprache und damit Schreiben hier auch als Teil der Technik &#8211; nicht als blo\u00dfes Hilfsmittel sondern als F\u00e4higkeit des Menschen, sich mit der Welt auseinanderzusetzen. Schreiben sei mehr als Aufschreiben, nicht nur Darstellung und Repr&auml;sentation von Erforschtem oder Erkannten sondern immer auch dessen Weiterentwicklung. Sprache und Schreiben schaffen als Werkzeug ein Bild von Wirklichkeit, ordnen diese und formen diese damit auch. Mir fiel dazu sofort Ernst Bloch ein, mit seiner doppelten Bedeutung des &quot;in-formatio&quot;, jedes Erkennen hat zwei Seiten, ein Erkennen von Aspekten der Wirklichkeit und eine Ver\u00e4nderung, eine Formierung der Wirklichkeit. &quot;Erkannt wird [&#8230;] zum Ziel der In-Formatio \u00fcber die Welt und der Welt selber.&quot; (Bloch zitiert in <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.15480\/882.290\">einem meiner Aufs&auml;tze<\/a>)<\/p>\n<p>Wenn einem bewusst ist, dass Schreiben auch eine Form von Weltaneignung ist, so ist klar, dass Schreiben nicht immer leicht f\u00e4llt. Und vielleicht kann dieses Bewusstsein dabei helfen, dass der Umgang mit dem Schreiben einem leichter f\u00e4llt?!<\/p>\n<p>Erforschen der Wirklichkeit ist nicht nur ein Auseinandernehmen oder Analysieren sondern nach Cassirer auch ein In-Beziehung-Setzen. Wirklichkeit wird so auch modifizierbar, ein zu bildender Stoff. Bloch w&uuml;rde hier vielleicht sagen, die verschiedenen M&ouml;glichkeiten von Wirklichkeit werden so eher denkbar bzw. sichtbar. F&uuml;r Cassirer ist nach Sch&uuml;tz Erkennen immer auch Anerkennen, der Natur, die damit als etws Eigenst&auml;ndiges gesehen wird, auch hier kam mir sofort eine Assoziation zu Ernst Bloch, der Natur sogar als eine Art Subjekt betrachtet hat.<\/p>\n<p>Im weiteren Gang seines Vortrages ging Sch&uuml;tz dann auf die Physikerin und Wissenschaftstheoretikerin <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karen_Barad\">Karen Barad<\/a> ein (Barad, Karen (2007): Diffractions: Differences, contingencies, and entanglements that matter. In: Karen Michelle Barad: Meeting the universe halfway. Quantum physics and the entanglement of matter and meaning. Durham: Duke University Press, S. 71\u201394, hier S. 90-91). Auch hier ging es um die Frage nach der Wirklichkeit: Ist diese etwas &Auml;usseres zum Subjekt oder eine Konstruktion des Subjektes? Barads Antwort ist &#8222;sowohl als auch&#8220;, die klassische Gegen\u00fcberstellung von Objekt und Subjekt, das sich ein Bild vom Objekt macht, ist schon lange &uuml;berholt. In den Wissenschaften wird durch eine Versuchsanordnung oft erst das Objekt, das erkannt werden soll, das epistemische Objekt, geschaffen. Auch beim Schreiben wird ja letztlich ein Objekt geschaffen, dass repr&auml;sentieren soll, was man selbst erkannt hat.<\/p>\n<p>Hier sehen ich auch einen Bezug zum Wissenschaftshistoriker <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans-J%C3%B6rg_Rheinberger\">Hans-J\u00f6rg Rheinberger<\/a>, der sich in <a href=\"https:\/\/katalog.tub.tuhh.de\/Author\/Home?author=Rheinberger%2C+Hans-J%C3%B6rg\">seinen Werken<\/a> mit der Epistemologie von Experimentalsystemen besch\u00e4ftigt. Man findet bei ihm &uuml;brigens auch manch interessante kleine Texte zum Schreiben und zu dessen Produkten.<\/p>\n<p>Exkurs: In einem Nebensatz in seinem Vortrag setzte Sch&uuml;tz das Verb &quot;verantworten&quot; mit &quot;f&auml;hig sein zu antworten&quot; in eine Beziehung, was mich z.B. an die oft benutzen Worte von der &quot;Verantwortung f\u00fcr die Umwelt&quot; erinnerte, gerade hier bedeutet dies f&uuml;r mich, dass wir beim Umgang mit der Umwelt Antworten finden und diese ins Handeln umsetzen m\u00fcssen, damit diese erhalten bleibt. Verantworten bedeutet also auch f&auml;hig sein zu handeln.<\/p>\n<p>Im letzten Teil seines Vortrages ging Sch&uuml;tz auf einen Text des Physikers <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Werner_Heisenberg\">Werner Heisenberg<\/a> ein, wobei schon Barad in ihren Arbeiten sich oft auf den d&auml;nischen Physiker <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Niels_Bohr\">Niels Bohr<\/a> bezieht. F\u00fcr Heisenberg gibt es durchaus unterschiedliche Beschreibungen der Wirklichkeit, aber nicht unterschiedliche Welten. Die Vielfalt der Weltsichten (Weltanschauungen) als unterschiedliches Verhalten zur Wirklichkeit zu interpretieren, erm&ouml;glicht vielleicht einen erkenntnistheoretischen Pluralismus, der nicht in einen Relativismus abgleitet. Bezogen auf das Schreiben ist das Beschreiben der eigenen experimentellen und praktischen Forschung nach Sch&uuml;tz damit immer auch eine neue Sicht, ein Neu-Entdecken des z.B. im Experiment Erkanntem.<\/p>\n<p>Bohr und Heisenberg standen &uuml;brigens bei der Auslegung der philosophischen Auswirkungen der Quantenmechanik in den 20er und 30er Jahren des 20.Jahrhunderts in enger Beziehung zueinander. Beide trafen sich im September 1941 in Kopenhagen zu einem Gespr&auml;ch, zu dessen Inhalt und Missverst&auml;ndnissen es sp\u00e4ter vielf&auml;ltige Auseinandersetzungen gab, das sogar von Michael Frayn als Thema eines <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kopenhagen_%28Theaterst%C3%BCck%29\">Theaterst&uuml;ckes<\/a> benutzt wurde und das sicher auch Einfluss auf die Geschichte der Atombombe im 2. Weltkrieg hatte. Ein Buch mit dem Text des Theaterst&uuml;cks und mit Aufs&auml;tzen, die das Kopenhagener Gespr&auml;ch aus wissenschaftshistorischer Sicht diskutieren, zeigt, dass auch die historische Wirklichkeit vielschichtig ist. <\/p>\n<p>Mich selbst hat Vieles des Obigen quasi an meine eigene Schreibbiografie, also die Auseinandersetzung mit der eigenen Schreibwirklichkeit, in der Schule erinnert, wo ich vor Jahrzehnten in einem Leistungskurs Chemie eine Facharbeit zum Thema &#8222;Das Bohrsche Atommodell und die Heisenbergsche Unsch\u00e4rferelation&#8220; geschrieben habe. In der 5. und 6. Klasse einer Berliner Grundschulen musste ich als Sch&uuml;ler jeweils pro Jahr eine sogenannte Monatsarbeit schreiben. Man hatte einen Monat Zeit, einen Text zu einem selbst gew\u00e4hlten Thema zu schreiben. Meine Themen waren &quot;Die Tiere Afrikas&quot; und &quot;Das Sonnensystem&quot;. \ud83d\ude0e &Uuml;brigens sind diese Monatsarbeiten eines der wenigen Dinge, die von meiner Schulzeit damals fest in meiner Erinnerung verankert sind.<\/p>\n<p>Wie nach jedem Vortrag bei der Kleinen Nacht gab es auch nach dem von Bertrand Sch&uuml;tz eine Bewegungsanimation des Hochschulsports, von Sch\u00fctz eingeleitet mit den sch\u00f6nen Bemerkungen &quot;Bewegung hilft nicht nur beim Denken, Denken ist Bewegung&quot; und &quot;Ohne K&ouml;rper w&uuml;rden wir nicht denken&quot;. Und beim Bewegen, so geht es mir oft <a href=\"http:\/\/blog.hapke.de\/information-literacy\/warum-jonglieren\/\">beim Jongieren<\/a>, kommt man auf die besten Gedanken.<\/p>\n<p>Im Rahmen der Podiumsdiskussion zur Kleinen Nacht betonte Bertrand Sch&uuml;tz das Ph&auml;nomen der Latenz beim Schreiben, auch dies ein oft von Bloch genutzter Begriff. F&auml;ngt man an wissenschaftlich zu schreiben, ist man eigentlich sofort dabei, auf die <a href=\"https:\/\/www.tub.tuhh.de\/wissenschaftliches-arbeiten\/2014\/10\/23\/auf-den-schultern-von-riesen\/\">Schultern von Riesen<\/a> zu steigen. Und damit ist die gesamte bisherige &Uuml;berlieferung der Wissenschaften, auf die man aufbauen kannt, latent und verborgen sowie als M&ouml;glichkeit (Bloch, f&uuml;r den M&ouml;glichkeit ein wichtiger Begriff ist, w&uuml;rde vielleicht sagen, als &quot;Noch-Nicht&quot;) der Bezugnahme in Allem vorhanden, was man schreibt. Und das kann als gro&szlig;e Last empfunden werden, von der man sich in einem gewissen Sinne auch frei machen muss, um als Subjekt auch eigene Gedanken denken zu k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Und hier ist man dann gleich beim Thema Kreativit&auml;t und der Problematik des Plagiats. In seinem Buch &quot;Homo occidentalis: von der Anschauung zur Bem&auml;chtigung der Welt. Z&auml;suren abendl&auml;ndischer Epistemologie&quot; (Weilerswist: Velbr&uuml;ck, 2011) zitiert der Soziologe <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arno_Bamm%C3%A9\">Arno Bamm&eacute;<\/a> einen anderen Soziologen <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/William_Fielding_Ogburn\">William Ogburn<\/a> mit dem Satz: &quot;Originalit&auml;t ist zu neun Prozent unzureichende Information und zu neunzig Prozent schlechtes Ged&auml;chtnis.&#8220;, der eng mit der Latenz-Problematik zusammenh&auml;ngt. <\/p>\n<p>Dazu passt die Aussage, &quot;dass der Eindruck eigener Originalit&auml;t meist die Folge mangelnden Leseflei&szlig;es ist.&quot; (Hermann Heimpel zitiert nach Ute Daniel, Kompendium Kulturgeschichte. Theorien, Praxis, Schl\u00fcsselw&ouml;rter, Frankfurt: Suhrkamp 2001, S.90) und die Aussage von Wilhelm Ostwald 1914 in seiner &quot;Modernen Naturphilosophie&quot;: &quot;Ferner muss ich einige Worte &uuml;ber die Quelle der von mir vorgetragenen Ansichten und Gedanken sagen. Ich vermag bei den meisten nicht anzugeben, ob ich sie gelesen oder selbst&auml;ndig gefunden habe; denn ich habe nur zu oft feststellen k\u00f6nnen, wie Einf&auml;lle, welche scheinbar ganz selbst&auml;ndig im Geiste auftauchen, nur Erinnerungen an fr&uuml;her Gelesenes oder Geh&ouml;rtes waren.&quot; \ud83d\ude0e Und dies f&uuml;hrt dazu, dass man beim wissenschaftlichen Arbeiten von Anfang an mit Tools zur <a href=\"https:\/\/www.tub.tuhh.de\/publizieren\/literaturverwaltung\/\">Literaturverwaltung<\/a> arbeiten sollte, um hier sicherer zu sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die &Uuml;berschrift dieses Beitrages ist mir vor Kurzem beim eigenen sogenannten Warmschreiben oder Free-Writing im Rahmen des Seminars &quot;Wissenschaftliches Arbeiten&quot; an der TUHH in den Sinn gekommen. 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