{"id":2931,"date":"2017-09-18T19:22:25","date_gmt":"2017-09-18T18:22:25","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hapke.de\/?p=2931"},"modified":"2018-12-09T16:52:59","modified_gmt":"2018-12-09T15:52:59","slug":"cogitamus-in-kollaboration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hapke.de\/libraries-in-general\/cogitamus-in-kollaboration\/","title":{"rendered":"&quot;Cogitamus&quot; in &quot;Kollaboration&quot;"},"content":{"rendered":"<p>Der Titel dieses Beitrages enth\u00e4lt die Titel der beiden interessantesten B\u00fccher, die ich im letzten halben Jahr gelesen habe. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bruno_Latour\">Bruno Latour<\/a> (Cogitamus. Edition Unseld: Vol. 38. Berlin: Suhrkamp, 2016) besch\u00e4ftigt sich mit dem Verh\u00e4ltnis von Wissenschaft und Politik (<a href=\"http:\/\/literaturkritik.de\/latour-cogitamus-gemeinsam-denken-bruno-latour-denkt-ueber-verhaeltnis-wissenschaft-politik-nach,23094.html\">Rezension<\/a>), w\u00e4hrend Mark Terkessidis (Kollaboration. Berlin: Suhrkamp, 2015) \u00fcber zeitgem\u00e4\u00dfe Formen der Zusammenarbeit, genauer das Leben von Zusammenarbeit nachdenkt.<\/p>\n<p><strong>Cogitamus<\/strong><\/p>\n<p>Latours sechs Briefe an eine Studentin umfassen eine Einf\u00fchrung in sein Denken \u00fcber die Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Er r\u00e4t der Studentin ein &#8222;<a href=\"https:\/\/www.tub.tuhh.de\/wissenschaftliches-arbeiten\/2017\/08\/03\/schon-frueh-ans-schreiben-denken\/#journal\">Bordtagebuch<\/a>&#8220; zu f\u00fchren, um hier Ereignisse, Beispiele und deren Quellen (z.B. aus Tageszeitungen) festzuhalten, die zeigen, wie sehr wissenschaftliche Ergebnisse Einfluss auf gesellschaftlich-politische Entscheidungen haben und umgekehrt.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Keine <em>In<\/em>formation ohne <em>Trans<\/em>formation.&#8220; (S. 189)<\/p><\/blockquote>\n<p>Meine Lieblingsformulierung von Latour erinnert an <a href=\"https:\/\/blog.hapke.de\/philosophy-of-information\/vor-40-jahren-starb-der-philosoph-ernst-bloch\/\">meinen Lieblingssatz bei Ernst Bloch<\/a>. <!--more-->Letztlich ist auch Latours Betonung des &#8222;Wir&#8220; im Cogitamus, das von ihm dem kartesianischen &#8222;Cogito ergo sum&#8220; entgegengesetzt wird, auch im ber\u00fchmten Diktum Ernst Blochs zu finden: &#8222;Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.&#8220;<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist Latours obiger Satz so etwas wie eine Formulierung der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heisenbergsche_Unsch%C3%A4rferelation\">Heisenbergschen Unsch\u00e4rferelation<\/a> auf einer anderen eher philosophischen aber auch alltagsbezogenen Ebene: Je genauer man etwas wissen will, je genauer man sich \u00fcber irgendein Detail informieren will, um so mehr kann sich dieses Detail, zumindest f\u00fcr einen selbst, ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Als anschauliches Beispiel sei der Versuch beschrieben &#8211; etwa im Rahmen von Citizen Science Aktivit\u00e4ten &#8211; f\u00fcr ein bestimmtes Landschaftsgebiet herauszubekommen, welche Hummel- bzw. Wildbienenarten in diesem Gebiet leben. Vom Aussehen her kann man dann eventuell bei einer beobachteten Hummel sagen, dies ist wahrscheinlich eine Erd-, Garten- oder auch Steinhummel. Will man dann aber genauer wissen, ob das nun die helle oder dunkle Erdhummel ist bzw. welche Art von Hummel man vor sich hat, m\u00fcsste man diese wahrscheinlich fangen, in Alkohol konservieren und unter dem Mikroskop etwa die genaue F\u00e4rbung der einzelnen Segmente des Hinterleibs untersuchen. Das Beobachtungsobjekt wird also &#8222;transformiert&#8220;. 8-( \ud83d\ude0e Will man hier also etwas genau wissen, nimmt man den Tod des Untersuchungsobjektes in Kauf.<\/p>\n<p>Andererseits ver\u00e4ndert &#8211; ausgehend vom informiert-werdenden bzw. sich informierenden Individuum &#8211; jede Information das eigene Bewusstsein von einer bzw. das eigene Wissen \u00fcber eine Sache. Bewusstsein oder Wissen werden also in einer andere &#8222;Form&#8220; transformiert.<\/p>\n<p>Jede \u00dcberf\u00fchrung der Wirklichkeit in eine Form von Abbildung dieser (Repr\u00e4sentation der Wirklichkeit, oft verbunden mit einer Abstraktion) &#8211; diese Abbildung kann dann z.B. der Information dienen &#8211; l\u00e4sst Teile dieser Wirklichkeit unber\u00fccksichtigt, betont andere usw., so dass man mit der gewonnenen Abbildung, die \u00fcber die Wirklichkeit informieren soll, diese, die Wirklichkeit, auch transformiert. Denn die gewonnene Abbildung ist nun neu Teil der Wirklichkeit und kann selbst Grundlage weiterer Repr\u00e4sentationen sein.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Transportieren durch Transformieren&#8220; (S. 30)<\/p><\/blockquote>\n<p>Nach Latour ist jede Handlung im Alltag heute von Technik und Werkzeugen bestimmt bzw. diese machen die Handlung oft \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich. Dabei sind Technik bzw. Techniken immer mehr von Wissenschaften unterf\u00fcttert bzw. werden sie mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden weiterentwickelt. Diese Technik bleibt oft unbewusst oder gar unsichtbar und wird nur im Falle des Ausfalles bewusst und damit sichtbar. Damit bieten &#8222;viele Wissenschaften Anla\u00df zu <em>\u00f6ffentlichen Kontroversen<\/em>&#8220; (S. 60-61).<\/p>\n<p>Letzterer ist f\u00fcr Latour ein wichtiger Begriff, betont er doch, dass neben \u00f6ffentlich diskutierten Kontroversen zu wissenschaftlichen Ergebnissen gerade auch Wissenschaften intern nicht frei von diesen ist (vgl. bei Latour auch S. 75ff sowie den <a href=\"https:\/\/blog.hapke.de\/information-literacy\/fake-news-und-informationskompetenz\/\">vorigen Beitrag in diesem Blog<\/a>).<\/p>\n<p>In Latours &#8222;politischer Epistmologie&#8220; spielt auch der Begriff der \u00dcbersetzung eine Rolle, denn jede Handlung ist f\u00fcr ihn aus &#8222;Umwegen zusammengesetzt&#8220; (S. 28), was oft auch zu einer Abweichung vom urspr\u00fcnglichen Ziel f\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Latour betont, dass &#8222;wir von Tag zu Tag deutlicher sp\u00fcren, da\u00df wir von der Unendlichkeit wieder zur Endlichkeit \u00fcbergegangen sind oder vielmehr vom Unendlichen zum Vielf\u00e4ltigen, zum Komplizierten (<em>compliqu\u00e9<\/em>), zum Verwickelten (<em>impliqu\u00e9<\/em>)&#8220; (S. 193). Je mehr man sich mit eine Sache besch\u00e4ftigt, desto mehr gewinnt diese an Komplexit\u00e4t, werden Verbindungen zu anderen Dingen sichtbar oder wird man auf Einfl\u00fcsse aus vielf\u00e4ltigen Richtungen aufmerksam. Man erkennt, dass nichts so einfach ist, wie es am Anfang erscheint.<\/p>\n<p><strong>Kollaboration<\/strong><\/p>\n<p>Dass Kollaboration etwas mit Lernen und Forschen und damit auch mit Bibliotheken zu tun hat, macht das Lesen des Werkes von Terkessidis (2015) deutlich. F\u00fcr ihn ver\u00e4ndern sich Beteiligte (dauerhaft) beim Kollaborieren, sie lernen damit. Dies gilt f\u00fcr kollaborierende Institutionen aber auch f\u00fcr die Kollaboration z. B. zwischen Angeh\u00f6rigen einer Bibliothek und Nutzenden, die sich beim Zusammenarbeiten im optimalen Fall alle drei  ver\u00e4ndern und voneinander lernen (vgl. auch Axel D\u00fcrkop: \u00dcber den Workshop &#8211; <a href=\"https:\/\/fizban05.rz.tu-harburg.de\/itbh\/vortrag-kollaborieren-in-forschung-und-lehre\/\">Kollaborieren in Forschung und Lehre<\/a>, 2017).<\/p>\n<p>Im ersten Kapitel des Werkes von Terkessidis &#8222;Sich entfremden&#8220; wird die Notwendigkeit eines Au\u00dfenblicks bzw. eines Perspektivwechsels hervorgehoben. Die Problematik der Repr\u00e4sentation wird angesprochen, nicht nur ein politisches, sondern auch ein erkenntnistheoretisches Problem (siehe auch oben!). Das n\u00e4chste Kapitel &#8222;Suchen&#8220; steht quer zum heute g\u00e4ngigen Slogan &#8222;Finden ist wichtiger als Suchen&#8220; (f\u00fcr Nutzende von Bibliotheken). Es betont die Bedeutung des Suchens, also auch des Fragenstellens, was heutzutage wichtiger erscheinen kann als das Finden von bereits Vorhandenem.<\/p>\n<p>&#8222;Sich bilden&#8220; als drittes Kapitel betont Vielheit und Multiperspektivit\u00e4t, auch dies eine Notwendigkeit f\u00fcr Bibliotheken, das Kapitel &#8222;Schaffen&#8220; hebt die Bedeutung des Handelns jeden Einzelnen, seine Kreativit\u00e4t und Improvisationskunst hervor. Das letzte Kapitel &#8222;Kritisieren&#8220; reflektiert \u00fcber Kritik und thematisiert das Unbehagen an dieser. Bei echter Kollaboration sollte eine Kritik ohne Distanz m\u00f6glich sein.<\/p>\n<p><strong>Wissenskulturen<\/strong><\/p>\n<p>Gemeinsames Nachdenken und Zusammenarbeiten steckt letztlich auch im Begriff der &#8222;Wissenskultur(en)&#8220;, ein Thema das Bertrand Sch\u00fctz bei der diesj\u00e4hrigen <a href=\"https:\/\/www.tub.tuhh.de\/blog\/2017\/03\/29\/schreiben-schreiben-nichts-weiter\/\">Kleinen Nacht des wissenschaftlichen Schreibens an der TUHH<\/a> behandelte. Schon im Vorjahr gab es passenderweise ja <a href=\"https:\/\/blog.hapke.de\/information-literacy\/schreiben-als-in-form-bringen-des-denkens\/\">einen wissenschaftsphilosophischen Beitrag<\/a> in dieser Veranstaltung, die eigentlich der Praxis des wissenschaftlichen Arbeitens gewidmet ist. Auch Otto Kruse hat, auf das wissenschaftliche Schreiben bezogen, diese kulturelle Komponente betont: Man sollte dieses, Kruse meint hier das Schreiben, &#8222;[\u2026] nicht prim\u00e4r als individuelle Handlung, sondern als Handlung in einem Raum diskursiver Praktiken und kollektiver Bedeutungskonstruktion [verstehen \u2026], als eine Art Akkulturierungsprozess, der die Studierenden in die disziplin\u00e4ren Forschungs- und Denk- und Kommunikationskulturen einf\u00fchrt und sie zu Mitgliedern einer Wissensgemeinschaft macht&#8220; (<a href=\"http:\/\/www.hochschuldidaktik.uzh.ch\/instrumente\/dossiers\/Wissenschaftliches_Schreiben_def.pdf\">Wissenschaftliches Schreiben und studentisches Lernen<\/a>. Z\u00fcrich: Hochschuldidaktik UZH 2012, S. 7).<\/p>\n<p>Eine Open Access verf\u00fcgbare \u00dcbersicht \u00fcber die Geschichte des Begriffes Wissenskultur bietet der Beitrag von Claus Zittel mit dem Titel &#8222;<a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.4453\/rifp.2014.0003\">Wissenskulturen, Wissensgeschichte und historische Epistemologie<\/a>&#8220; (Rivista internazionale di Filosofia e Psicologia 5 (2014) 1, 29-42).<\/p>\n<p>Sch\u00fctz diskutierte das Thema Wissenskulturen anhand von Textausschnitten u.a. von Ian Hacking, Ludwik Fleck, Hans-J\u00f6rg Rheinberger und Karin Knorr Cetina. Die meisten Schriften dieser Wissenschaftsphilosophen betonen die Bedeutung der Praxis bzw. des Experiments f\u00fcr die wissenschaftliche Theorienbildung, wobei oft das, was praktisch in der wissenschaftlichen Arbeit passiert, sp\u00e4ter durchaus anders dargestellt und kommuniziert werden kann.<\/p>\n<p>Betont wurde also von Sch\u00fctz die Bedeutung der Darstellung (Repr\u00e4sentation) in der Wissenschaft. Das Begreifen von Wirklichkeit in der Wissenschaft erzeuge erst die Tat-Sachen. Erkenntnis ist also eine Aktivit\u00e4t, die \u00fcber Beobachtung und Experiment offen f\u00fcr \u00dcberraschungen sein sollte. Es entstehen nur dann neue Erkenntnisse, wenn das dahinter stehende Subjekt mit der Wirklichkeit &#8222;zusammenarbeitet&#8220;. Diese und ihre Objekte f\u00fchren durchaus ein &#8222;Eigenleben&#8220; (Hacking). Das &#8222;Denkkollektiv&#8220; von Fleck betont &#8222;die demokratische Verfasstheit von Wissenschaft&#8220; (Sch\u00fctz, vgl. auch das spannende Interview mit Rheinberger: Experimenteller Geist : Epistemische Dinge, technische Objekte, Infrastrukturen der Forschung. Lettre International 2016, 112, 114-121, hier S. 116, 3. Spalte) und ist vielleicht mit ein Ursprung f\u00fcr Latours Cogitamus, wobei bei Latour auch die nicht-menschlischen Akteure beim Erkenntnisprozess, der f\u00fcr ihn letztlich ein Aushandeln ist, eine Rolle spielen. Gabi Reinmann hat sich gerade <a href=\"http:\/\/gabi-reinmann.de\/?tag=denkkollektiv\">in ihren Blog<\/a> \u00f6fters mit Fleck besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Indem Sch\u00fctz den Plural von Wissenskulturen benutzt, betont er einerseits, dass es in jeder der vielen Wissen<em>schaften<\/em> und Disziplinen unterschiedliche Wege und Gebr\u00e4uche der Kommunikation, der Methoden usw. gibt. Andererseits weist der Plural darauf hin, dass in der Geschichte der Wissenschaften nicht nur die europ\u00e4isch-westliche Kultur eine gro\u00dfe Rolle spielte, sondern z.B. die islamisch-arabischen Wissenschaften die \u00dcberlieferung der Erkenntnisse der Antike \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glichten bzw. die indisch-asiatischen Wissenschaften Einfluss auf die Hochkultur der Antike hatten. Und heutzutage ist angesichts mancher wissenschaftsfeindlicher Tendenzen in den westlichen Staaten offen, in welchen Teilen der Erde das Wissen entstehen wird (und dies entsteht vielleicht nicht nur in den Wissenschaften), das ein gemeinsames \u00dcberleben aller Menschen in W\u00fcrde und mit Teilhabe zumindest als M\u00f6glichkeit erscheinen l\u00e4sst. Sorry, der letzte Satz wirkt sicher nicht sehr optimistisch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Titel dieses Beitrages enth\u00e4lt die Titel der beiden interessantesten B\u00fccher, die ich im letzten halben Jahr gelesen habe. Bruno Latour (Cogitamus. Edition Unseld: Vol. 38. 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