{"id":3186,"date":"2020-01-04T18:18:13","date_gmt":"2020-01-04T17:18:13","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hapke.de\/?p=3186"},"modified":"2020-01-04T18:24:23","modified_gmt":"2020-01-04T17:24:23","slug":"was-ist-bildung-fuer-paulo-freire","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hapke.de\/higher-education\/was-ist-bildung-fuer-paulo-freire\/","title":{"rendered":"Was ist Bildung &#8211; f\u00fcr Paulo Freire?"},"content":{"rendered":"<p>Das Zitat von Ludwig Wittgenstein zum Stellenwert von Wissenschaft und Forschung in unserer Lebenswelt <a href=\"https:\/\/blog.hapke.de\/information-literacy\/warum-ist-wissenschaftskommunikation-fuer-informationskompetenz-wichtig\/\">im letzten Beitrag in diesem Blog<\/a> m\u00f6chte ich nun einem Zitat des brasilianischen P\u00e4dagogen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Paulo_Freire\">Paulo Freire<\/a> in seinem letzten, 1996 geschriebenen und 2008 in deutscher \u00dcbersetzung erschienenen Buch &#8222;P\u00e4dagogik ohne Autonomie : Notwendiges Wissen f\u00fcr die Bildungspraxis&#8220; (Waxmann) gegen\u00fcberstellen. <\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Genau das ist die Aufgabe  der Wissenschaft, bei der sie sich ohne gesunden Menschenverstand des Wissenschaftlers von der Sache entfernen oder sich verlieren kann. Ich zweifle nicht am Misserfolg eines Wissenschaftlers, dem es an der F\u00e4higkeit mangelt, Dinge vorherzuahnen, zu erkennen, dass der Schein tr\u00fcgen kann, Zweifel zuzulassen, rastlos weiterzuforschen, da er der Gewissheiten nicht allzu sicher ist. Mich macht ein Wissenschaftler traurig, &#8211; und manchmal macht er mir auch Angst -, der sich seiner selbst allzu sicher ist, der meint, die Wahrheit f\u00fcr sich gepachtet zu haben, und nicht einmal eine Ahnung  von der Verg\u00e4nglichkeit seines eigenen Wissens hat.&#8220; (S.59)<\/p><\/blockquote>\n<p>Bisher erschienen mir B\u00fccher von Freire f\u00fcr mich nicht so richtig zug\u00e4nglich, eventuell aufgrund mancher Wiederholungen in den Texten und des mir nicht immer gel\u00e4ufigen Kontextes seiner Betrachtungen. In dem hier zitierten Buch von Freire, das ich erst vor Kurzem entdeckt und gelesen habe, finde ich viele S\u00e4tze, die genau meinem Verst\u00e4ndnis von Bildung, was f\u00fcr mich Lehren, Lernen und Bildung ausmacht, entsprechen &#8211; einem Verst\u00e4ndnis, das ich selbst als Lehrender zumindest rudiment\u00e4r versuche zu erreichen.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Lehren [heisst nicht], Wissen weiterzugeben, sondern M\u00f6glichkeiten zu schaffen, Wissen zu erzeugen oder zu bilden. [&#8230;] Wer lehrt, lernt beim Lehren, und wer lernt, lehrt beim Lernen. [&#8230;] Das Lernen kam vor dem Lehren oder, in anderen Worten, das Lehren l\u00f6ste sich in der existentiellen Erfahrung des Lernens auf.&#8220; (S. 24-25)<\/p><\/blockquote>\n<p>Bei Freire findet sich folgendes Pl\u00e4doyer f\u00fcr Offenheit, die letztlich Teil von Bildung ist:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Daher sage ich noch einmal, dass es unvermeidlich ist, radikal offen zu sein, sich selbst, anderen und der Welt gegen\u00fcber. Offen zu sein gegen\u00fcber dem anderen und gegen\u00fcber der Welt als solcher und mich dabei auf radikale Weise als kulturelles und historisches Wesen zu erfahren, unvollkommen und meiner Unvollkommenheit bewusst&#8220; (S. 47)<br \/>\n&#8222;Auf der Unvollkommenheit des Wesens, das sich selbst als unvollkommen versteht, gr\u00fcndet sich Bildung als permanenter Prozess.&#8220; (S. 55)<br \/>\n&#8222;Bildung als spezifisch menschliche Erfahrung [ist] eine Form des Eingreifens in das Weltgeschehen [&#8230;]. (S. 91)<\/p><\/blockquote>\n<p>Zum Zusammenhang zwischen Kommunikation, Lernen und Erkenntnis:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Ohne die M\u00f6glichkeit des Mitteilens gibt es kein Begreifen der Wirklichkeit.&#8220; (S. 108)<br \/>\n&#8222;&#8218;[D]ie Welt lesen&#8216; [&#8230; geht] dem &#8218;Worte-Lesen&#8216; stets voraus [&#8230;]&#8220; (S. 75)<br \/>\n&#8222;[Der Lernende \u00fcbernimmt] von einem gewissen Moment an auch die Autorenschaft der Objekterkenntnis.&#8220; (S. 113)<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass Bildung viel mit epistemologischen Aspekten zusammenh\u00e4ngt &#8211; Freire spricht oft von &#8222;epistemologischer Neugierde&#8220;,(S. 26 und 39) die beim kritischen Lernen entsteht -, wird in einem weiteren Aufsatz von Freire mit dem Titel &#8222;Bildung als Erkenntnissituation&#8220; in einem anderen Band mit Texten von Freire (Unterdr\u00fcckung und Befreiung. Waxmann, 2007, S. 67-88) deutlich. F\u00fcr Freire hat Bildung ihren Ausgangspunkt in der Mensch-Welt-Beziehung, d.h. der Mensch ist als Subjekt und &#8222;bewu\u00dftes Wesen&#8220; in &#8222;permanenter Aueinandersetzung mit der Wirklichkeit&#8220; (S.67). Dabei sind Mensch und Welt in einer Beziehung gegenseitiger M\u00f6glichkeiten der Ver\u00e4nderung und deren Problematisierung.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;F\u00fcr uns ist &#8218;Bildung als Praxis der Freiheit&#8216; vor allem und in erster Linie eine wahrhafte Erkenntnissituation, in der der Erkenntnisakt nicht im erkennbaren Objekt sein Ende findet, da er sich anderen, ebenfalls erkennbaren Subjekten mitteilt. Lehrende-Lernende und Lernende-Lehrende stehen in einem befreiende Bildunsgproze\u00df beide als erkennende Subjekte den sie einander vermittelnden Objekten gegen\u00fcber. [&#8230; Unterricht ist] eine Begegnung, in der Erkenntnis gesucht und nicht \u00fcbertragen wird. [&#8230; Daher ist] seine [des Lehrenden] T\u00e4tigkeit ein permanenter Erkenntnisakt.&#8220; (S. 72, 73)<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>&#8222;[Bildung ist die] Beziehung zwischen erkennenden, durch das Erkenntnisobjekt einander vermittelten Subjekten [&#8230;,] in der der Lehrer seinen Erkenntnisakt st\u00e4ndig von neuem vollzieht [&#8230;]&#8220; (S. 75)<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>[&#8230;] Bildung als Erkenntnissituation bedeutet, den Inhalt als Problem zu formulieren, auf den Lehrende und Lernende als Subjekte der Erkenntnis gemeinsam ihre Intention richten.&#8220; (S. 79) <\/p><\/blockquote>\n<p>Schade, dass Freire in einer aktuellen und fundierten \u00dcbersicht \u00fcber Bildungstheorien (Rieger-Ladich, M. (2019). Bildungstheorien zur Einf\u00fchrung. Hamburg: Junius-Verlag, &#8211; <a href=\"https:\/\/www.hsozkult.de\/review\/id\/reb-28331?title=m-rieger-ladich-bildungstheorien-zur-einfuehrung\">Rezension bei H\/Soz\/Kult<\/a>) nicht erw\u00e4hnt wird. <\/p>\n<p>Das Buch von Markus Rieger-Ladich beginnt \u00fcbrigens im ersten Teil der Einleitung ganz im Sinne der letzten Texte in diesem Blog mit der Frage, was eigentlich Wissenschaft ausmache, wie wissenschaftliche Forschung funktioniere, wer von welchem Standpunkt aus mit welchem Interesse welche wissenschaftlichen (und damit auch welche gesellschaftlichen, politischen und \u00f6konomischen) Herausforderungen behandelt bzw. erforscht (S. 11).<\/p>\n<p>Neben dem polnischen Erkenntnistheoretiker Ludwik Fleck wird hier besonders auf die Naturwissenschaftshistorikerin und Frauenforscherin <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Donna_Haraway\">Donna Haraway<\/a> Bezug genommen, von der ich vor Kurzem einen solchen sch\u00f6nen Satz gelesen habe wie<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;&#8218;Epistemologie&#8216; hei\u00dft, die Differenz zu erkennen.&#8220;<br \/>\n(Haraway, D. J. (1995). Die Neuerfindung der Natur: Primaten, Cyborgs und Frauen (C. Hammer &#038; I. Stiess, Hrsg.). Frankfurt a.M.: Campus-Verl., S. 48)<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieses Zitat passt zu meine Sicht auf den Zusammenhang zwischen Information und Erkenntnistheorie, wie dieser durch andere Zitate &#8211; etwa wie &#8222;Informieren heisst Differenzen bestimmen.&#8220; (Ch\u00e2telet, F. (1975). Einleitung. In: Das XX. Jahrhundert. Frankfurt (M.): Ullstein. S. 7\u201311, S. 10) und &#8222;Information  ist  ein  Unterschied,  der  einen  Unterschied  macht.&#8220; (Bateson, G. (1985). \u00d6kologie des Geistes. Anthropologische, psychologi-sche,  biologische  und  epistemologische  Perspektiven. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 582) weiter verdeutlicht wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Zitat von Ludwig Wittgenstein zum Stellenwert von Wissenschaft und Forschung in unserer Lebenswelt im letzten Beitrag in diesem Blog m\u00f6chte ich nun einem Zitat des brasilianischen P\u00e4dagogen Paulo Freire in seinem letzten, 1996 geschriebenen und 2008 in deutscher \u00dcbersetzung &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.hapke.de\/higher-education\/was-ist-bildung-fuer-paulo-freire\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7,12],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3186"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3186"}],"version-history":[{"count":23,"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3186\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3234,"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3186\/revisions\/3234"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3186"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3186"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.hapke.de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3186"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}