Anthropozän und Information(skompetenz)

Als ein Beispiel für Aktivitäten im Umfeld von Bildung für nachhaltige Entwicklung sei im Folgenden das sogenannte „Anthropozän-Projekt“ vorgestellt. Unter dem Begriff Anthropozän wird eine neue geochronologische Epoche vorgeschlagen, eine Epoche, in der alle biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde durch den Menschen beeinflusst werden.

Die Einsicht, dass der Begriff Anthropozän berechtigt ist, kann im Zeichen des Klimawandels zu einem Perspektivwechsel in Politik, Kultur und Gesellschaft aber auch bei uns einzelnen Menschen beitragen. Der Begriff wird aber durchaus auch kritisch gesehen. Gleichwohl wird der Begriff politisch stark unterstützt. In Deutschland haben sowohl das Haus der Kulturen der Welt in Berlin als auch das Deutsche Museum in München das Thema aufgegriffen (siehe unten).

Aus Informationskompetenz-Sicht ist interessant, dass es in der "Lyon Declaration on Access to Information and Development" (Lyoner Erklärung über den Zugang zu Informationen und Entwicklung) in den Punkten 3 und 4 heisst:

"Ein besserer Zugang zu Informationen und Wissen auf Grundlage der Alphabetisierung aller stellt einen unverzichtbaren Stützpfeiler der nachhaltigen Entwicklung dar. Die bessere Verfügbarkeit von hochwertigen Informationen und Daten sowie die Einbeziehung des Gemeinwesens in deren Erstellung ermöglicht eine umfassendere, transparentere Verteilung von Ressourcen.[…]
Informationsvermittler wie beispielsweise Bibliotheken […] sind in der Lage,[…] bei der Kommunikation, Organisation, Strukturierung und dem Verständnis der für eine solche Entwicklung entscheidenden Daten mit adäquaten Mitteln zu unterstützen, beispielsweise durch […] das Angebot von Bildungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten zur Förderung des Zugangs zu den für die Menschen wichtigsten Informationen und Dienstleistungen sowie ihres Verständnisses."

Für eine nachhaltige Entwicklung ist also auch Informationsbildung bzw. -kompetenz notwendig.

Es folgen nun weitere Hinweise auf Texte zum Thema Anthropozän, darunter auch zu ersten Ansätzen für ein Curriculum sowie zu einem Open-Access-Buch "Fantasien der Bibliothek" 😎

  • Ende Dezember 2014 öffnete im Deutschen Museum die Sonderausstellung „Willkommen im Anthropozän„. Sie entstand in Zusammenarbeit mit dem Rachel Carson Center for Environment and Society der Ludwigs-Maximilians-Universität München, das auch ein „Environment & Society Portal“ mit vielen Bildungs-Ressourcen zum Thema Umwelt betreibt.
     
  • Das bis 2014 gelaufene Anthropozän-Projekt des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin umfasste auch die Diskussion über ein Curriclum. Das kleine Programm-Buch mit dem Titel „Das Anthropozän-Projekt. Ein Bericht“ beschreibt das Projekt genauer, das versuchte, Wissenschaftler und Künstler bei Ausstellungen und Workshops zusammenzubringen, um das Thema zu bearbeiten.
     
  • Das Anthropozän ist auch Thema des Heftes 4 der Zeitschrift "movum – Briefe zur Transformation&quot
     
  • Zur Geschichte des Begriffs:
    • Im Jahre 2000 hat der niederländische Chemiker und Atmosphärenforscher Paul Crutzen mit Eugene F. Stoermer eine kurze Notiz zum Anthropozäen veröffentlicht: Crutzen, P.J.; E.F. Stoermer, 2000: The „Anthropocene“. Global Change Newsletter (IGBP), 41, 17-18.
    • 10 Jahre später folgte ein ausführliches Review zum Thema: Steffen, Will; Grinevald, Jacques; Crutzen, Paul; McNeill, John (2011): The Anthropocene: conceptual and historical perspectives. In: Philosophical transactions. Series A, Mathematical, physical, and engineering sciences 369 (1938), S. 842–867. DOI: 10.1098/rsta.2010.0327.

     

Der Bericht zum Anthropozän-Projekt“ enthält unter dem Titel „Das Anthropozän aus globaler Perspektive lehren“ einen Text von Manfred D. Laubichler und Jürgen Renn, der auf Seite 116 beispielhaft die grundlegenden Punkte eines Curriculums für eine Bildung zu nachhaltiger Entwicklung aufzeigt:

  • „I. Als zentrale Richtschnur gilt es, Fächer stringent in Einführungsveranstaltungen zu unterrichten und sie von mehreren Seminaren zu flankieren, in denen komplexe, disziplinenübergreifende Probleme des wirklichen Lebens behandelt werden.
  • II. Wissen soll in seinen gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Kontexten unterrichtet werden. Es gilt, nicht nur den Tatsachenbestand zu vermitteln, sondern auch die Herausforderungen, offenen Fragen und Unsicherheiten jeder Disziplin hervorzuheben.
  • III. Die Lehre soll ein Bewusstsein für die großen Probleme schaffen, vor denen die Menschheit steht (Hunger, Armut, öffentliche Gesundheitsversorgung, Nachhaltigkeit, Klimawandel, Zugang zu Wasser, Sicherheit usw.). Sie soll zeigen, dass kein einzelnes Fach allein mit irgendeinem dieser Probleme angemessen umgehen kann.
  • IV. Die genannten Herausforderungen sollen dazu dienen, Interdisziplinarität zu veranschaulichen und dezidiert anzuwenden, dabei jedoch interdisziplinären Dilettantismus vermeiden.
  • V. Wissen ist historisch zu betrachten und darauf zu befragen, wie es entsteht, erworben wird und zur Anwendung kommt. Machen wir deutlich, dass verschiedene Kulturen ihre jeweils eigenen Traditionen und unterschiedlichen Formen des Wissens haben. Behandeln wir Wissen nicht als etwas Statisches, das in einen starren Kanon eingebettet ist.
  • VI. Allen Studierenden soll ein grundsätzliches Verständnis der Grundlagen von Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften vermittelt werden. Dabei sind die Verbindungen zwischen den Wissenstraditionen zu unterstreichen und an Beispielen aufzuzeigen.
  • VII. Setzen wir uns mit der Komplexität und Unordnung der Welt auseinander. Das gilt für die Naturwissenschaften ebenso wie für die gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Dimensionen dieser Welt. Damit werden wir zur Bildung verantwortungsvoller Bürgerinnen und Bürger beitragen.
  • VIII. Legen wir in allen Bereichen der Lehre Wert auf eine breit gefächerte und aufnahmebereite, evolutionäre Denkweise.
  • IX. Machen wir Studierende mit nicht-linearen Phänomenen auf allen Gebieten des Wissens vertraut.
  • X. Verschmelzen wir Theorie und Praxis, analytische Stringenz mit der Anwendung von Wissen auf Probleme der wirklichen Welt.
  • XI. Überdenken wir die Folgen moderner Kommunikations- und Informationstechnologien für die Lehre und Struktur der Universität.“

Englische Version:

  • „I. As a central guideline teach disciplines rigorously in introductory courses together with a set of parallel seminars devoted to complex real life problems that transcend disciplinary boundaries.
  • II. Teach knowledge in its social, cultural, and political contexts. Teach not just the factual subject matter, but highlight the challenges, open questions and uncertainties of each discipline.
  • III. Create awareness of the great problems humanity is facing (hunger, poverty, public health, sustainability, climate change, water resources, security, etc.) and show that no single discipline can adequately address any of them.
  • IV. Use these challenges to demonstrate and rigorously practice interdisciplinarity, avoiding the dangers of interdisciplinary dilettantism.
  • V. Treat knowledge historically and examine critically how it is generated, acquired, and used. Emphasize that different cultures have their own traditions and different ways of knowing. Do not treat knowledge as static and embedded in a fixed canon.
  • VI. Provide all students with a fundamental understanding of the basics of the natural and the social sciences, and the humanities. Emphasize and illustrate the connections between these traditions of knowledge.
  • VII. Engage with the world’s complexity and messiness. This applies to the sciences as much as to the social, political and cultural dimensions of the world. This will contribute to the education of concerned citizens.
  • VIII. Emphasize a broad and inclusive evolutionary mode of thinking in all areas of the curriculum.
  • IX. Familiarize students with non-linear phenomena in all areas of knowledge.
  • X. Fuse theory and analytic rigor with practice and the application of knowledge to real-world problems.
  • XI. Rethink the implications of modern communication and information technologies for education and the architecture of the university.

Schon vorher sind in dem Bericht in Verbindung zu Meinungsäusserungen von Beteiligten die wichtigsten Komponenten des Anthropozän-Curriculums genannt (S. 95-100):

  • Disziplinen überschreiten
  • Wissen produzieren
  • Representing
  • Connecting
  • Claiming
  • Lehren und Lernen

Sichtbare Ergebnisse des Anthropozän-Projektes sind auch eine Reihe von Veröffentlichungen:

  • Die vierbändige Buchveröffentlichung "Textures of the Anthropocene: Grain Vapor Ray". Hrsg.: Katrin Klingan, Ashkan Sepahvand, Christoph Rosol, Bernd M. Scherer. Cambridge, MA: MIT Press, 2015 (ISBN 978-3-95763-232-6).

    „Die Publikation befasst sich mit dem Zustand der Erde und der menschlichen Vorstellungskraft in einem diskursiven transhistorischen Experiment. Ausgehend von einem Korpus von Schriften und Bildern aus mehreren Jahrhunderten setzen sich Theoretiker, Praktiker, Wissenschaftler, Historiker und Künstler mit den zeitlosen Kategorien des Partikularen, des Flüchtigen und des Energetischen auseinander. Sie präsentieren neue Positionen zu den Texturen und Formen, die Wissen im Anthropozän annimmt.“

    Mit dabei bei diesen Schriften sind auch zwei Texte von deutschen Pionieren des Informationswesen, Horst Rittel und Wilhelm Ostwald:

     

  • Nicht zuletzt gibt es eine "Ausstellungsreihe im Taschenbuchformat" mit dem Titel "intercalations: a paginated exhibition series", deren Bände auch als webbasierte Open-Access-Publikation verfügbar sind.

    "Scheinbar binäre Kategorien wie Kultur/Natur, menschlich/nichtmenschlich, Subjekt/Objekt, Buch/Ausstellung werden in dieser Reihe untersucht und in Frage gestellt."

    Der erste Band der Reihe trägt den schönen Titel: Fantasies of the Library.

Dieser Blog-Beitrag ist eine ausführlichere Version eines Beitrages im Blog der TUH-Bibliothek.

Ein Gedanke zu „Anthropozän und Information(skompetenz)

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